Vorlesen: ein wichtiger Baustein der Entwicklung gehörloser Kinder

Durch elterliches Vorlesen tauchen Kinder erstmals in spannende Bücherwelten ein. Gleichzeitig hat Vorlesen zahlreiche positive Effekte auf den Sprach- und Schriftspracherwerb von Kindern und unterstützt zudem die Entwicklung verschiedener (sozial-)kognitiver sowie emotionaler Fähigkeitent. Besonders dann, wenn das Vorlesen interaktiv gestaltet ist und sich an die individuellen Bedürfnisse und Voraussetzungen des Kindes anpasst, können diese Lerneffekte nachhaltig und effektiv entstehen (Eisinger et. al., 2024).
Während hörende Menschen ihre Muttersprache als Laut- und Schriftsprache über das Gehör erwerben, ist dieser Weg des Spracherwerbs gehörlosen und schwerhörigen Menschen nicht zugänglich. Aus diesem Grund stellt die Schriftsprache für viele taube Menschen eine Fremdsprache dar (Gröning & Wildeisen, 2019). Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung werden zu über 90 % in Familien mit ausschließlich hörenden Eltern geboren (Nussbaumer, 2020). Ein erschwerter Zugang zu einer Gebärdensprache kann dabei zu einer verzögerten Entwicklung sprachlicher Fähigkeiten sowie zu Sprachstörungen führen (Eisinger et. al., 2024).
Vorlesen spielt im Gebärdenspracherwerb eine besondere Rolle, da es diesen gezielt fördern kann. Gehörlose Kinder erweitern auf diese Weise ihren Gebärdenschatz und lernen neue Satzstrukturen kennen (ReaDi, o.D.a). Gleichzeitig hat Vorlesen eine wichtige präventive und intervenierende Funktion für taube und schwerhörige Kinder hörender Eltern, da diese ein erhöhtes Risiko für Auffälligkeiten im Laut- und Gebärdenspracherwerb aufweisen (Eisinger et. al., 2024).
Warum vorlesen für gehörlose Kinder besonders wichtig ist
Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung verfügen häufig über geringere Spracherfahrungen als normalhörende Kinder und haben weniger Gelegenheiten, sich sprachliches Wissen anzueignen. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass sie Informationen, die nicht explizit an sie gerichtet sind, oft nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen können. Dadurch entgehen ihnen zahlreiche beiläufige Sprachinputs, die für den natürlichen Spracherwerb von großer Bedeutung sind. Infolge der Hörschädigung kommunizieren gehörlose Kinder zudem häufig weniger und zeigen eine geringere Eigenaktivität in der Kommunikation als gleichaltrige hörende Kinder. Diese eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten führen häufig zu einem reduzierten aktiven und passiven Wortschatz. Die begrenzten Spracherfahrungen wirken sich zudem auf das grammatische Wissen aus. Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung weisen oftmals ein geringeres Wissen über Wort- und Satzbildung auf, was sowohl das aktive als auch das passive Grammatikwissen betrifft. Diese sprachlichen Einschränkungen haben wiederum Auswirkungen auf das schriftliche Sprachverständnis und das schriftliche Ausdrucksvermögen (Nussbaumer, 2020).
Dabei ist hervorzuheben, dass die beschriebenen Defizite weniger auf die Gehörlosigkeit oder Hörschädigung an sich zurückzuführen sind, sondern vielmehr auf sprachliche Unzulänglichkeiten im Alltag der Kinder, inklusive unzureichende Kommunikationsmöglichkeiten im familiären Umfeld. Für die Sprachentwicklung sowie für andere typische Entwicklungsphasen gehörloser und hörgeschädigter Kinder spielen insbesondere die Fähigkeiten in der Gebärdensprache, deren Umfang und der Zeitpunkt des Erwerbs sowie der Hörstatus der Eltern eine entscheidende Rolle. Bei den etwa zehn Prozent der Kinder mit einer Hörbeeinträchtigung, die in Familien mit gehörlosen Eltern aufwachsen, erwerben diese in der Regel frühzeitig die Gebärdensprache als natürliche Erstsprache und können auf dieser Basis zusätzlich einen Lautspracherwerb aufbauen (Nussbaumer, 2020).
Erste Studien, die den Einfluss des Vorlesens auf die Entwicklung tauber und schwerhöriger Kinder untersucht haben, belegen einen positiven Effekt unabhängig vom Hörstatus der Kinder, dem Hörstatus der Eltern oder der verwendeten Laut- und/oder Gebärdensprache beim Vorlesen. So konnte in einer Studie mit 17 tauben bzw. schwerhörigen Kindern und 34 hörenden Kindern im Alter zwischen einem und drei Jahren zeigen, dass sowohl die Häufigkeit des Vorlesens im familiären Umfeld als auch die Qualität der interaktiven Strategien der Eltern beim Vorlesen positiv mit den rezeptiven und expressiven Fähigkeiten in einer gesprochenen Sprache bei tauben und schwerhörigen Kindern korrelieren (Eisinger et. al., 2024). Viele Kinderbücher greifen außerdem reale Zusammenhänge auf und thematisieren die Gedanken, Gefühle und Überzeugungen ihrer Protagonistinnen und Protagonisten. Dadurch eröffnen lernen Kinder verschiedene Perspektiven einzunehmen sowie das Verhalten von Figuren zu reflektieren. Das gemeinsame Betrachten von Bilderbüchern und die kommunikative Interaktion darüber sind für hörgeschädigte Kinder zwar herausfordernd, stellen jedoch einen besonders geeigneten sprachlichen Förderkontext dar (Nussbaumer, 2020).
Wie Vorlesen für gehörlose Kinder gelingt
Beim Vorlesen für gehörlose oder schwerhörige Kinder und beim gemeinsamen Lesen gibt es einige Dinge zu beachten. Zunächst sollte der Text – wie auch bei hörenden Kindern – an die sprachlichen Fähigkeiten des Kindes angepasst und entsprechend seinen thematischen Interessen ausgewählt werden. Bilder unterstützen das Vorlesen und bieten Möglichkeiten, an die Lebenswelt des Kindes anzuknüpfen und so seine Erfahrungen zu berücksichtigen (Nussbaumer, 2020). Neben allgemein geltenden Tipps sollte man beim Vorlesen und gemeinsamen Lesen und gemeinsamen Lesen für gehörlose Kinder zusätzlich auch:
Auf das Schriftbild achten:
Gehörlose Kinder lernen Lesen nicht über eine Verbindung von Lautsprache und Buchstabe, sondern prägen sich das Schriftbild ein. Daher ist es für sie hilfreich, wenn Wörter in gut lesbaren Druckbuchstaben dargestellt sind und sowohl Groß- als auch Kleinbuchstaben verwendet werden, da diese im Schriftbild überwiegen. Durch das Einprägen des Schriftbildes machen gehörlose Kinder im Allgemeinen wenige Rechtschreibfehler. Da sie die deutsche Grammatik jedoch nicht aus der Lautsprache erwerben, ist es unterstützend, wenn Hauptwörter mit Artikeln notiert und diese je nach grammatischem Geschlecht farblich gekennzeichnet sind. Beim Vorlesen kann das Kind so dem Schriftbild folgen und es sich einprägen (Bundeselternverband gehörloser Kinder e. V., 2014).
Die Vorleseposition berücksichtigen
Das Kind sollte gleichzeitig das Buch, das Gesicht und die Hände der vorlesenden Person sehen können. Dazu kann die vorlesende Person das Buch beispielsweise offen und zum Kind hingewandt vor sich halten oder sich gemeinsam mit dem Kind vor einen Spiegel setzen und das Buch ebenfalls zum Spiegel ausrichten. In letzterem Fall sieht das Kind nicht nur die Mimik und Gestik der vorlesenden Person, sondern kann die Gebärden auch direkt im Spiegel mitüben (Bundeselternverband gehörloser Kinder e. V., 2014).
Mit Mimik und Gestik arbeiten
Insbesondere dann, wenn einem bestimmte Gebärden nicht bekannt sind, können Mimik und Gestik dazu beitragen, Emotionen oder Situationen zu verdeutlichen. Beim Gebärden kann allgemein eine ausdrucksstärkere Mimik eingesetzt werden, um beispielsweise unterschiedliche Charaktere darzustellen. Gegebenenfalls können auch Bilder gezeigt oder Situationen nachgespielt werden (Bundeselternverband gehörloser Kinder e. V., 2014).
Texte und Gebärden anpassen
Um sich an die sprachlichen und linguistischen Fähigkeiten des Kindes anzupassen, dürfen Texte verändert werden, indem Inhalte weggelassen oder ergänzt werden. Statt den Text wortwörtlich vorzulesen, kann er als Grundlage dienen, um Ereignisse zu beschreiben oder frei zu erzählen (Nussbaumer, 2020).
Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) weist zudem regionale Dialekte auf, sodass sich einzelne Gebärden je nach Region unterscheiden können. Beim Vorlesen sollten daher die Gebärden verwendet werden, die dem vorlesenden Erwachsenen oder dem Kind vertraut sind. Unterschiedliche Bedeutungen oder Dialektvarianten können im Rahmen des Vorlesens erklärt werden, um dem Kind eine Vielfalt an Gebärden näherzubringen. Kann das Kind bereits lesen, können einzelne Wörter zusätzlich mit dem Fingeralphabet gebärdet werden. Dabei werden Buchstaben des deutschen Alphabets mit einer Hand dargestellt. Dies unterstützt den Lese- und Schreiblernprozess (ReaDi, o. D. b).
Angebote für Eltern und Fachkräfte
Für Eltern und Fachkräfte gibt es verschiedene hilfreiche Unterstützungsangebote, die das Vorlesen beziehungsweise gemeinsame Lesen mit dem Kind erleichtern können.
Ganz allgemein bietet SignDict ein offenes Online-Wörterbuch für Gebärdensprache. Dort sind derzeit über 5.500 Gebärden der Deutschen Gebärdensprache (DGS) als Videos verfügbar, die von Nutzer*innen selbst erstellt und hochgeladen werden können. Teilweise finden sich zu den Videoeinträgen auch weitere Varianten desselben Begriffs sowie Beispiele in Gebärdenschrift (SignDict, o. D.).
Die GebärdenSchrift ist ein System zur Verschriftlichung von Gebärdensprache. Sie besteht aus leicht verständlichen Symbolen, mit denen Handformen, Bewegungen, Ausführungsorte sowie mimische Ausdrucksformen von Gebärden dargestellt werden können (delegs, o. D.).
ReaDi ist ein Verbundprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin und der Ludwig-Maximilians-Universität München, das sich zum Ziel gesetzt hat, inklusives Lesen zu fördern. Sowohl für Fachkräfte, als auch für Eltern stellt das Projekt Tutorials zum Vorlesen in DGS bereit. Darüber hinaus finden sich auf der Website weiterführende Links und Informationen, etwa zu verschiedenen Gebärdenlexika und Bilderbüchern in DGS (ReaDi, o.D.c).Gesammelte Informationen zur Leseförderung bei gehörlosen oder hörgeschädigten Kindern bietet zudem die Projektseite des Bundeselternverband gehörloser Kinder e.V. (Bundeselternverband gehörloser Kinder e. V., o.D).
Quellen und weiterführende Informationen
Bundeselternverband gehörloser Kinder e. V. (o. D.). Spaß am Lesen. Wie Sie Ihr gehörloses/hörbehindertes Kind im Lesen fördern. https://gehoerlosekinder.de/leseflyer.html [02.01.26]
Bundeselternverband gehörloser Kinder e. V. (2014). Spaß am Lesen: Wie Sie Ihr gehörloses/hörbehindertes Kind im Lesen fördern [Flyer]. https://gehoerlosekinder.de/leseflyer.html [02.01.2026]
delegs. (o.D.). Was ist GebärdenSchrift? https://www.delegs.de/gebaerdenschrift. [05.01.26]
Eisinger, N., Aghaei, M., Becker, C., Marks, S., Stutzer, A., Müller, C., & Avemarie, L. (2024). Vorlesepraktiken von Eltern tauber und schwerhöriger Kinder. Frühförderung interdisziplinär, 43, 135–154. https://doi.org/10.2378/fi2024.art13d [02.01.26]
Gröning, K., & Wildeisen, S. (2019). LeseZeichen – Bilderbücher in Gebärdensprache erzählt. In Praxisbuch: Inklusion und Bibliotheken (S. 543-549). Walter de Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783111206943-069
Nussbaumer, D. (2020). Entwicklungsbereich Hören im Zusammenhang mit Mentalisieren als soziales Lernen. In Mentalisierungsbasierte Inklusions- und Sonderpädagogik (S. 273-287). Waxmann Verlag. https://doi.org/10.13109/9783666700170.273 [02.01.26]
ReaDi. (o.D. a). In DGS vorlesen. Tutorial für Fachkräfte. https://projekt-readi.de/fachkraefte/fachkraefte-tutorial-1-7/ [02.01.26]
ReaDi. (o.D. b). In DGS vorlesen. Tutorial für Eltern. https://projekt-readi.de/eltern/eltern-tutorial-1-7/ [02.01.26]
ReaDi. (o.D. c). Weitere Informationen. https://projekt-readi.de/weitereinformationen/ [05.01.26]
SignDict. (o.D.). Abgerufen am 2. Januar 2026, von https://signdict.org [05.01.26]




