Mein Lehrer, GenAI? – Ergebnisse des OECD Digital Education Outlook 2026

Als der Chatbot ChatGPT im November 2022 erstmals der breiten Öffentlichkeit kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde, war damit der Weg für generative KI in jegliche Lebensbereiche geebnet. Auch im Bildungsbereich hat generative KI längst Einzug gefunden. Jugendliche haben den Nutzen der neuen Technologie zur Bewältigung von Hausaufgaben, Aufsätzen oder schriftlichen Prüfungen bereits erkannt (Scheiter et al., 2025). Laut des “OECD’s 2024 Teaching and Learning International Survey” fanden 2024 auch 37% der Befragten Lehrkräfte an Sekundarschulen Anwendung für generative Tools in ihrem Arbeitsalltag (OECD, 2026). Dass generative KI, auch GenAI genannt, so eine hohe Beliebtheit erfährt, ist kaum überraschend, etwaige Technologien lassen sich häufig intuitiv, kostenlos und ohne bestimmte Vorkenntnisse nutzen (OECD, 2026).
Die Publikation “OECD Digital Education Outlook 2026” stellt wichtige Forschungsergebnisse und fachkundiges Wissen darüber zusammen, wie generative KI Bildungslandschaften und -settings transformieren kann. Der Bericht gibt Aufschluss darüber, wie die Technologie Einfluss auf die Qualität, Produktivität und Effektivität des Lernens haben kann, gepaart mit Erkenntnissen darüber, wo ihre Risiken und Grenzen liegen (OECD, 2026).
Wie ist das Nutzungsverhalten unter Schüler:innen?
Während es derzeit noch keine verlässlichen, vergleichenden Daten zum Nutzungsverhalten generativer KI durch Schüler:innen gibt, liefern mehrere Studien erste Hinweise darauf, wie verbreitet und zu welchen Bildungszwecken diese Tools genutzt werden. Die JIM-Studie 2024 zeigt, dass 62 % der repräsentativen Stichprobe von 1.200 Jugendlichen in Deutschland im Alter von 12 bis 19 Jahren KI-Anwendungen wie ChatGPT nutzen, davon etwa 65 % für schulische Aufgaben und Hausaufgaben (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2024).
Studienergebnisse legen nahe, dass die Verwendung unter Schüler:innen, insbesondere der oberen Sekundarstufe, seit 2022 von einem Randphänom zu einem weit verbreiteten Alltagsinstrument gewachsen ist. Die Nutzung von ChatGPT steigt ab einem Alter von 14 Jahren deutlich an und nimmt mit zunehmendem Alter weiter zu. Besonders bei Jungen und bei Schüler:innen am Gymnasium ist ChatGPT bereits weit verbreitet (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2024). Der Bericht der OECD nennt hierzu Erhebungen, die über mehrere Jahre hinweg in den USA durchgeführt wurden. Bei Befragungen in 2023 gaben noch rund 25%-33% der Schüler:innen der Sekundarstufe an, generative KI Tools für schulische Aufgaben genutzt zu haben. Im Jahr 2025 waren es, in vergleichbaren Erhebungen, bereits etwa 68 % der Jugendlichen im Alter von 15 bis 17 Jahren. Während Grundschüler:innen und jüngere Schüler:innen der Sekundarstufe generative KI-Tools bislang eher zurückhaltend nutzen, deutet die aktuelle Studienlage darauf hin, dass diese bei Schüler:innen der oberen Sekundarstufe bereits regelmäßig zum Einsatz kommen (OECD, 2026).
Wofür wird generative KI bereits im schulischen Kontext genutzt?
Die Beweggründe für die Nutzung von GenAI-Tools liegen bei Schüler:innen überwiegend in Bequemlichkeit und Effizienz und deutlich weniger darin, einen tiefergehenden Lerneffekt zu erzielen. Konkret nannten Befragte als Motive häufig die Unterstützung beim Verstehen und Verarbeiten von Inhalten, etwa für Erklärungen oder Zusammenfassungen, sowie zum Erstellen von Texten und Ideen. Teilweise aber auch, um vollständige Lösungen zu erhalten. In einer Befragung über sieben europäische Länder zeigte sich ein ähnliches Muster. Die häufigsten außerschulischen, nicht angeleiteten Lernanwendungen waren das Einholen von Informationen (56 %) und das Erklären von Begriffen und Konzepten (45 %). Knapp ein Drittel gibt an, KI zur Bereitstellung vollständiger Lösungen für Aufgaben zu nutzen. Nur rund 20 % setzen diese Tools ein, um ihr Lernen zu strukturieren, personalisierte Lernpläne zu erstellen oder den eigenen Lernfortschritt zu verfolgen (OECD, 2026).
Die Nutzung unter Lehrer:innen variiert stark nach Land- und Bildungsniveau. Verglichen mit Schüler:innen ist die Verwendung unter Lehrkräften von einem ähnlichen oder geringeren Umfang. Unabhängig von der Bildungsstufe geben Lehrkräfte an, GenAI vor allem zur Unterstützung bei der Unterrichtsplanung, pädagogischen Aktivitäten und Lehr-/Lernmaterialien sowie teilweise zur Rückmeldung an ihre Schülerinnen und Schüler zu nutzen (OECD, 2026).
Wann ist der Einsatz von GenAI in der Bildung effektiv?
Dass ein großer Teil der Lernenden generative KI nutzt, steht somit fest, jedoch gilt es einen genaueren Blick darauf zu werfen, inwiefern sich diese auf Lerneffekte auswirken. Auch diesen Aspekt beleuchtet die OECD in ihrer Publikation. Häufig kommen die aufgeführten Studien zu dem Ergebnis, dass Schüler:innen kognitiven Aufwand und direkte Auseinandersetzung mit dem Lehrmaterial, mit Hilfe dieser technologischen Werkzeuge, vermeiden. Ein nachhaltiger Lerneffekt und die Entwicklung von Kompetenzen erfordern jedoch genau diese tiefergehende Arbeit (OECD, 2026).
Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass GenAI keine positiven Einflüsse auf das Lernen haben kann. Large-Language-Modelle wie ChatGPT werden meist auf sehr großen Datenmengen trainiert, damit sie flexibel für eine Vielzahl an Themen anwendbar sind. Teilweise werden nun aber auch LLM-basierende GenAI Tools speziell zum Einsatz in Lernsettings angepasst. Um entsprechenden Ansprüchen gerecht zu werden, wurden diese Modelle auf bildungsrelevanten Daten trainiert oder auch so konfiguriert, dass sie passender auf Nutzeranfragen reagieren. Der von der Stanford University entwickelte „Tutor CoPilot“ wurde beispielsweise, basierend auf Beobachtungen erfahrener Lehrkräfte und deren Feedback angepasst. Er unterstützte 900 Tutoren, die mit 1.800 Schüler:innen aus benachteiligten Gemeinschaften arbeiteten, und erhöhte die Bestehensquoten im Durchschnitt um 4 %, vor allem im Vergleich zu weniger erfahrenen oder zuvor schlechter bewerteten Tutoren (OECD, 2026; Rose et al., 2025). .
Eine weitere Studie an der Harvard University verglich Präsenzunterricht mit aktivem Lernen und ein Online-Lernangebot mit einem GenAI-Tutor, der dieselben pädagogischen Prinzipien umsetzte. Das Ergebnis: Studierende lernten schneller, fühlten sich motivierter und stärker eingebunden, wenn sie den AI-Tutor nutzten (OECD, 2026).
Die Studienlage ist noch begrenzt, dennoch zeigt sich auch in anderen Fällen, dass GenAI das Lernen effektiv unterstützen kann, wenn die Tools auf erprobten Lehrmethoden sowie lernwissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Aus den Forschungsergebnissen zieht die OECD auch, dass es für Lehrkräfte wichtig wird, pädagogische Kompetenzen zu entwickeln, die den Einsatz von generativer KI im Unterricht und bei Aufgabenstellungen einbeziehen. Selbst dann, wenn Lehrkräfte generative KI nicht aktiv in ihren Unterricht integrieren, müssten sie ihn dennoch anpassen, da Schüler:innen diese Tools eigenständig nutzen können. Eine systematische internationale Dokumentation solcher pädagogischen Ansätze zur Neugestaltung von Unterrichtssetting könnte dazu beitragen, den Wissensaustausch über den sinnvollen Einsatz von generativer KI im Bildungsbereich zu beschleunigen (OECD, 2026).
Wie lässt sich der Lehr- und Lernalltag transformieren?
GenAI-Tutoren können insbesondere personalisiertes Lernen unterstützen. Im Gegensatz zu früheren, regelbasierten Tutoring-Systemen können diese auch auf unerwartete Fragen reagieren, unterschiedliche Fachinhalte abdecken und dialogorientiert arbeiten. Sie geben nicht nur richtig-oder-falsch-Rückmeldungen, sondern erklären Inhalte, stellen Rückfragen und begleiten den Lernprozess schrittweise. Besonders wirksam sind GenAI-Tutoren, wenn sie pädagogisch sinnvoll konfiguriert sind: wenn sie also Lernprofile kontinuierlich anhand des Wissenstands des Lernenden weiterentwickeln, den Schwierigkeitsgrad anpassen und auf frühere Fehlvorstellungen eingehen. Zudem können sie verschiedene Rollen einnehmen, etwa als Mentor:in, Coach oder Lernpartner, und so nicht nur fachliche Unterstützung bieten, sondern auch motivieren. Indem die Tutoren Lernende mit gezielten Fragen anleiten, statt Lösungen direkt vorzugeben, kann zudem ein nachhaltiger Lerneffekt erzielt werden (OECD, 2026).
Neben dem personalisierten Lernen fasst der OECD-Bericht auch Forschungsergebnisse GenAI gestützten kollaborativen Lernens zusammen. Bislang zeigen Studien dazu zwar kleine bis mittlere positive Effekte, machen aber deutlich, dass erfolgreiche Zusammenarbeit nicht automatisch durch generative KI entsteht. Wichtig ist, dass Forschende und Entwickler:innen GenAI-Tools gezielt für diesen Zweck anpassen und ihnen klare pädagogische Rollen zuweisen. Allgemein einsetzbare LLMs übernehmen diese Rollen nicht von selbst (OECD, 2026).
Auch für Lehrkräfte ist die Gestaltung der eigenen Unterrichtsqualität mittels generativer KI ein zentrales Thema. Grundsätzlich sollten für die Auswahl von KI-Systemen deren Funktionsweise und Sicherheitsaspekte transparent dokumentiert sein. Denn auch für Lehrkräfte ist es wichtig, die pädagogischen Grundlagen von KI-Tools zu verstehen und nachvollziehen zu können, welche Arten von Daten von diesen Anwendungen erfasst und gespeichert werden (Scheiter et al., 2025). Inwiefern die Autonomie und der Handlungsspielraum der Lehrkräfte trotz des technologischen Einsatzes erhalten bleiben können, gilt es ebenfalls zu erkunden. Besonders vielversprechend, um diese Balance zu halten, wäre die Argumentation: Mensch und KI arbeiten dabei dialogisch zusammen, hinterfragen sich gegenseitig und erzielen gemeinsam bessere Ergebnisse, als jeder für sich allein könnte (OECD, 2026).
Wichtig ist, dass Lehrkräfte und Lernende von Beginn an in die Entwicklung einbezogen werden. Beispiele zeigen, dass ko-kreativ entwickelte GenAI-Tools Lehrkräfte entlasten, ihre Arbeit beschleunigen und zugleich pädagogische Kontrolle ermöglichen. Lehrkräfte können dabei selbst einstellen, welche Antworten automatisch weitergegeben und welche zuvor geprüft werden. Studien zeigen schnellere Reaktionszeiten, bessere Lernergebnisse und höhere Effizienz. Insgesamt bestätigen die Befunde, dass GenAI das Potenzial hat, Lehrkräfte produktiv zu unterstützen und die Unterrichtsqualität zu verbessern, sofern die pädagogische Verantwortung weiterhin bei den Lehrer:innen bleibt (OECD, 2026). Nicht zu vergessen ist dabei, dass Lehrkräfte vor dem Einsatz von KI im Unterricht selbst Kompetenzen in diesem Bereich aufweisen. Um dies sicherzustellen, empfiehlt die Kultusministerkonferenz 2024, diese in allen drei Phasen der Lehrkräftebildung zu integrieren und zu überprüfen (Schleiter et. al., 2025).
Quellen und weiterführende Informationen
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2024): JIM-Studie 2024. https://mpfs.de/studie/jim-studie-2024/ . [06.02.2026]
OECD (2026). OECD Digital Education Outlook 2026: Exploring Effective Uses of Generative AI in Education, OECD Publishing, https://doi.rg/10.1787/062a7394-en. [06.02.2026]
Scheiter, K., Bauer, E., Omarchevska, Y., Schumacher, C., Sailer, M. (2025). Künstliche Intelligenz in der Schule. Eine Handreichung zum Stand in Wissenschaft und Praxis. https://www.empirische-bildungsforschung-bmbf.de/img/KI_Review.pdf [06.02. 2026]
Rose E., W., Ribeiro, A. T., Robinson, C. D., Loeb, S., Demszky. D. (2025). Tutor CoPilot: A Human-AI Approach for Scaling Real-Time Expertise. (EdWorkingPaper: 24-1056). Annenberg Institute, Brown University: https://doi.org/10.26300/81nh-8262 [06.02.2026]




