Mediennutzung bei Kindern: Wie Eltern Mediensucht vorbeugen können

Digitale Medien sind heute fester Bestandteil des Alltags von Kindern und Jugendlichen. Sie ermöglichen Kommunikation, Unterhaltung, Lernen und soziale Teilhabe, bergen aber auch Risiken, wenn die Nutzung überhand nimmt. Aktuelle Studien zeigen, dass Kinder schon in jungen Jahren viel Zeit mit Smartphone, Tablet oder Konsole verbringen. Damit Eltern und Fachkräfte diese Entwicklungen besser einordnen können, lohnt sich ein genauer Blick auf Zahlen, Risiken und Präventionsmöglichkeiten zur Mediensucht.
Hintergrund – Mediennutzung im Alltag von Kindern
Während vor einer Generation das Fernsehen den Medienalltag dominierte, prägen heute mobile Endgeräte, soziale Netzwerke, Onlinevideos und Onlinegames das Leben vieler Kinder. Digitale Kommunikation ist für die meisten selbstverständlich und beginnt häufig schon im Grundschulalter.
Die OECD-Studie “How’s Life for Children in the Digital Age?” untersucht, wie die zunehmende Digitalisierung das Leben und Wohlbefinden von Kindern beeinflusst. Sie basiert auf internationalen Datensätzen wie PISA und HBSC und analysiert sowohl Chancen, etwa für Bildung und soziale Teilhabe, als auch Risiken wie Suchtverhalten oder psychische Belastungen (OECD, 2025).
Laut OECD besitzen die meisten Kinder mit etwa zehn Jahren bereits ein eigenes Smartphone und nutzen es regelmäßig für Kommunikation, Unterhaltung und Informationssuche. 2021 hatten 93 % der 10-Jährigen Zugang zum Internet. Ein Großteil kommuniziert täglich online mit Freunden, konsumiert Inhalte auf Video- und Streamingplattformen und spielt Onlinegames (OECD, 2025).
Die aktuelle Längsschnittstudie der DAK-Gesundheit in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) analysiert das Mediennutzungsverhalten von 10- bis 17-Jährigen in den Bereichen Social Media, Gaming und Streaming. Die Ergebnisse zeigen für Deutschland ein ähnliches Bild wie die internationalen Befunde:
Mehr als ein Viertel der Befragten nutzt soziale Medien riskant oder pathologisch häufig, rund 4,7 % gelten als süchtig. An einem durchschnittlichen Wochentag verbringen die Befragten 157 Minuten (2,6 Stunden) auf Social Media – ein Wert, der seit 2021 nahezu konstant bleibt, aber über die sieben Erhebungswellen hinweg deutlich gestiegen ist. Beim Gaming liegt die tägliche Nutzungszeit werktags bei 105 Minuten, im Jahr 2019 waren es noch 91 Minuten. Beim Streaming zeigte sich 2021 ein deutlicher Corona-Peak mit rund 170 Minuten pro Tag, aktuell liegen die Werte wieder bei etwa 93 Minuten täglich. Seit der erstmaligen Erfassung 2022 sind die Zahlen konstant hoch. Etwa 16 % der Befragten gelten als problematische Nutzer*innen, 2,6 % als abhängig (Wiedemann, Thomasius & Paschke, 2025).
Auch bei jüngeren Kindern ist eine wachsende Nutzung digitaler Geräte zu beobachten. Zwar gibt es nur wenige Daten zu Kleinkindern, doch die OECD zeigt, dass die Bildschirmzeit bereits in den ersten Lebensjahren stark zunimmt. So nutzen rund 83 % der Fünfjährigen in England, Estland und den USA mindestens einmal pro Woche, 42 % sogar täglich digitale Geräte (OECD, 2025).
Ein neues Phänomen, das in der aktuellen Erhebungswelle der DAK-Studie erstmals untersucht wurde, ist das sogenannte „Phubbing“. Der Begriff setzt sich aus den Wörtern „Phone“ (Telefon) und „Snubbing“ (jemanden brüskieren). Sie beschreibt die unangemessene Smartphone-Nutzung in sozialen Situationen, etwa während eines Gesprächs oder beim Essen. Laut Studie fühlen sich 35,2 % der Kinder und Jugendlichen durch das Smartphone-Verhalten anderer ignoriert, 25,2 % berichten von daraus entstehenden Konflikten. Kinder und Jugendliche mit häufigen Phubbing-Erfahrungen sind signifikant einsamer, ängstlicher, gestresster und depressiver als jene, die dies seltener erleben.
Die zunehmende Mediennutzung ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Nahezu alle Lebensbereiche, wie Schule, Freizeit und Familie, sind heute von digitaler Kommunikation geprägt (Wiedemann, Thomasius & Paschke, 2025). Gerade deshalb ist es für Eltern wichtig, Anzeichen einer ungesunden Mediennutzung bei ihren Kindern zu erkennen.
Risiken & Anzeichen von problematischer Nutzung
Die OECD beschreibt ein erhöhtes Risiko für Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Bewegungsmangel und emotionale Belastungen bei Kindern, die sehr viel Zeit an digitalen Geräten verbringen. Durch nächtliches Chatten oder Spielen verschiebt sich häufig der Schlafrhythmus, und fehlende Pausen oder monotone Nutzung, wie stundenlanges Scrollen oder Gaming, können zudem körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Augenprobleme oder Verspannungen fördern (OECD, 2025).
Die DAK-Studie orientiert sich bei der Einordnung problematischen Medienverhaltens an den offiziellen Kriterien der Computerspielstörung, wie sie in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschrieben sind. Charakteristisch für eine pathologische Nutzung ist demnach, dass sowohl Symptome auftreten, die das Denken und Verhalten beeinflussen, als auch daraus resultierende negative Folgen in mehreren Lebensbereichen vorliegen (Wiedemann, Thomasius & Paschke, 2025).
Die ICD-11 beschreibt die Störung als anhaltende und wiederholte Nutzung des Internets zum Online-Spielen, die zu klinisch relevanten Beeinträchtigungen führt. Zu den möglichen Symptomen zählen u. a. Entzugssymptome, Toleranzentwicklung, Verlust früherer Interessen, Verheimlichung des Ausmaßes der Nutzung, Flucht vor negativen Emotionen sowie der Verlust wichtiger sozialer Beziehungen (Aktiv Gegen Mediensucht e.V., 2022).
Eine übermäßige Nutzung sozialer Medien kann zu Schlafmangel, Unruhe, Angst und Konzentrationsproblemen führen und steht oft mit depressiven Symptomen sowie einem gestörten Körperbild in Verbindung, wobei letzteres besonders häufig bei Mädchen auftritt (DAK Onlineredaktion, 2025; OECD, 2025). Besonders gefährdet für eine problematischen Social-Media- oder Gaming-Nutzung sind Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, mit familiären Konflikten oder geringerer Unterstützung. Diese Gruppen nutzen digitale Räume häufig zur Kompensation negativer Gefühle.
Viele Kinder profitieren aber auch von den Chancen digitaler Kommunikation, etwa durch soziale Teilhabe, Identitätsbildung und gegenseitige Unterstützung, besonders in marginalisierten Gruppen. Entscheidend ist, wie und in welchem Umfeld Medien genutzt werden. Elterliche Begleitung und gesunde Routinen wirken nachweislich schützend aus (OECD, 2025).
Prävention: Was Eltern konkret tun können
ltern spielen eine wichtige Rolle dabei, wie Kinder digitale Medien nutzen. Die folgenden Strategien können helfen, eine gesunde Medienbalance zu fördern und ungesunde Nutzungsmuster zu vermeiden:
1. Bildschirmzeit bewusst gestalten: Kinder profitieren von transparenten Vereinbarungen zur Mediennutzung. In einem Zeitplan kann festgehalten werden, wann und wie lange digitale Medien genutzt werden dürfen. Die Regeln sollten an Alter, Entwicklungsstand und Alltag des Kindes angepasst werden. Statt einer starren täglichen Begrenzung kann auch eine wöchentliche Obergrenze sinnvoll sein.
2. Medienregeln gemeinsam festlegen: Ältere Kinder und Jugendliche sollten aktiv in Entscheidungen einbezogen werden. Wenn Eltern die Interessen und Vorschläge ihrer Kinder berücksichtigen, entstehen realistische Regeln, die von beiden Seiten getragen werden. So lernen Kinder, Verantwortung für ihr eigenes Medienverhalten.
3. Technische Schutzfunktionen einsetzen: Viele Geräte und Plattformen bieten Möglichkeiten, Zeitlimits festzulegen oder Inhalte zu filtern. Über App-Beschränkungen können bestimmte Anwendungen nur zu festgelegten Zeiten genutzt werden. Solche technischen Hilfen erleichtern, insbesondere bei jüngeren Kindern, die Einhaltung von Regeln und bieten Orientierung im digitalen Alltag (Mediensuchthilfe, 2025).
4. Mediennutzung aktiv begleiten: Eltern sollten wissen, welche Inhalte ihre Kinder konsumieren. Gemeinsames Ansehen oder Spielen schafft Vertrauen und Gesprächsanlässe. Offene Gespräche über mögliche Online-Risiken fördern die kritische Medienkompetenz (Mediensuchthilfe, o. D.)
5. Analoge Aktivitäten stärken: Ein gesunder Ausgleich ist entscheidend. Wenn Freizeit abwechslungsreich gestaltet ist, fällt es Kindern leichter, Medien in einem ausgewogenen Maß zu nutzen..
6. Vorbild sein: Eltern, die regelmäßig selbst offline sind, zeigen ihren Kindern, dass digitale Pausen selbstverständlich und wohltuend sein können (Mediensuchthilfe, 2025).
Wenn Eltern merken, dass sie beim Thema Mediennutzung an ihre Grenzen stoßen oder eine problematische Entwicklung ihres Kindes nicht allein bewältigen können, gibt es zahlreiche Unterstützungsangebote.
Unterstützungsangebote & Ressourcen
Im Folgenden finden sich einige hilfreiche Ressourcen, die Beratung, Prävention und Begleitung bieten:
Die Plattform “Mediensuchthilfe”:
Die Plattform des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) bietet praxisnahe Informationen rund um Mediensucht und Prävention. Eltern finden dort Anleitungen zur Einrichtung technischer Schutzfunktionen, Vorschläge für Familienregeln sowie kompakte Materialien zur Stärkung der Medienkompetenz (Mediensuchthilfe, 2025).
Das “ISES! Kids Online Training”:
Das Online-Training des Universitätsklinikums Tübingen unterstützt Kinder und Eltern dabei, das eigene Medienverhalten zu reflektieren und gesunde Routinen zu entwickeln. Es bietet praktische Übungen zur Förderung einer ausgewogenen Medienbalance (Universitätsklinikum Tübingen, 2025).
Das Programm “SCHAU HIN!”:
“SCHAU HIN!” stellt ebenfalls kostenfreie Online-Kurse und Informationsangebote bereit, die Eltern helfen, ihre medienpädagogischen Kompetenzen zu stärken. Ziel ist es, Erwachsene dabei zu unterstützen, Kinder sicher und reflektiert durch die digitale Welt zu begleiten (SCHAU HIN!, 2023).
Fachliche Beratung:
Auch Ärztinnen, Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen sowie Beratungsstellen können eine professionelle Einschätzung vornehmen. Sie helfen, das Ausmaß der Mediennutzung zu bewerten und, falls erforderlich, Hilfsangebote zu vermitteln.
Solche Angebote können präventiv genutzt werden, aber auch dann, wenn Eltern bereits das Gefühl haben, dass sich das Medienverhalten ihres Kindes problematisch entwickelt. Ein frühzeitiges Gespräch mit Fachpersonen kann helfen, negative Entwicklungen zu erkennen und einer möglichen Suchtentstehung vorzubeugen oder dieser entgegenzuwirken.
Quellen und weiterführende Informationen
Aktiv Gegen Mediensucht e.V. (2022). Die Diagnose. https://www.aktiv-gegen-mediensucht.de/diagnose-mediensucht/. [25.10.2025]
DAK Onlineredaktion (2025). Social-Media-Sucht bei Jugendlichen. https://www.dak.de/dak/gesundheit/psychische-gesundheit/sucht/social-media-sucht-bei-jugendlichen_85778. [25.10.2025]
Mediensuchthilfe. (2025). Medienregeln. https://www.mediensuchthilfe.info/medienregeln/ . [25.10.2025]
Mediensuchthilfe (o. D.). Dos und Don’ts im Umgang mit Betroffenen. https://www.mediensuchthilfe.info/dos-and-donts-im-umgang-mit-betroffenen/
OECD. (2025). How’s Life for Children in the Digital Age?. OECD Publishing, Paris. https://doi.org/10.1787/0854b900-en . [23.10.2025]
SCHAU HIN!. (2023). Medienkurse für Eltern. https://www.medienkurse-fuer-eltern.info/ . [24.10.2025]
freepik. (o.D.). Seitenansicht kleines Mädchen mit Tablette zu Hause. https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/seitenansicht-kleines-maedchen-mit-tablette-zu-hause_25965499.htm. [05.11.2025]
Universitätsklinikum Tübingen. (2025). ISES Kids Online Training. https://www.medizin.uni-tuebingen.de/de/ises-kids-onlinetraining . [23.10.2025]
Wiedemann, H., Thomasius, R. & Paschke, K. (2025). Problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Ergebnisbericht 2024/2025. Ausgewählte Ergebnisse der siebten Erhebungswelle im September/Oktober 2024. https://caas.content.dak.de/caas/v1/media/91492/data/7e8e26f78f4c5d590a9060daaceb15c3/20250312-dzskj-pk-bericht-final.pdf . [25.10.2025]




