Was macht gute Kindersendungen aus? Altersstufen verstehen, Qualität erkennen
Nach wie vor ist der Fernseher das Familienmedium Nummer eins und fasziniert auch schon die Jüngsten. Durch die zunehmende Kommerzialisierung und die Verlagerung vieler Inhalte ins Netz haben sich Ziele und Strukturen des Kinderprogramms verändert: Neben pädagogischen Ansprüchen spielen heute auch wirtschaftliche Interessen eine größere Rolle, was sich in der Qualität mancher Angebote bemerkbar macht. (Bundeszentrale für politische Bildung, 2021). Mit der durch Streamingdienste und Mediatheken gewachsenen Vielfalt an Kindersendungen hat sich auch die Spannbreite der darin zu findenden Qualität deutlich vergrößert. Was Kindern zugemutet werden kann, hängt dabei stark vom Alter und vom Entwicklungsstand ab. Die größere Auswahl bedeutet, dass Eltern und pädagogische Fachkräfte stärker den je gefordert sind, geeignete Inhalte zu finden. Umso wichtiger ist es, die Besonderheiten kindlicher Medienwahrnehmung zu kennen und zu verstehen, welche Qualitätsmerkmale darüber entscheiden, ob eine Kindersendung geeignet, förderlich und altersgerecht ist.
Kinder zwischen Tablet, TV und Streaming
Schon in den ersten Lebensjahren entwickeln Kinder ein ausgeprägtes Interesse an ihrer Umgebung. Dazu gehören heute auch audiovisuelle Medien. Während Kleinkinder ihre Welt noch überwiegend über Sinneseindrücke wie Tasten, Sehen oder Hören erkunden, nehmen sie zugleich sehr bewusst wahr, wie Medien in der Familie genutzt werden. Die Aufmerksamkeit, die Erwachsene Bildschirmen schenken, führt dazu, dass auch die Kleinsten diese Geräte neugierig entdecken wollen (di Vetta, 2024).
Bereits im Alter von etwas über zwei Jahren kommen viele Kinder das erste Mal mit dem Fernsehen in Kontakt. Ab etwa dem dritten Lebensjahr entwickeln sie dann die Fähigkeit, einfache Inhalte zu verstehen: Sie können zunehmend Figuren erkennen, kurzen Geschichten folgen und grundlegende Erzählmuster einordnen (Eggert & Wagner, 2016).
Mit dem größer werdenden Medienangebot erweitert sich auch das Spektrum der Inhalte, denen Kinder begegnen. Neben klassischen Fernsehsendungen finden sich heute eine Vielzahl kurzer Videoclips, Serien in Mediatheken und speziell kuratierte Kinderbereiche auf Streamingplattformen (SCHAU HIN!, o. D.). Gleichzeitig weisen Expertinnen und Experten darauf hin, dass die Qualität im digitalen Kinderangebot stärker schwankt als im klassischen Fernsehen und pädagogische Leitlinien nicht immer erkennbar sind (Bundeszentrale für politische Bildung, 2021). Das Spektrum reicht von sorgfältig produzierten, kindgerecht gestalteten Formaten bis hin zu sehr schnell produzierten Angeboten. Automatische Abspielfunktionen, Werbung und algorithmische Empfehlungen können dabei leicht zu überfordernden oder ungeeigneten Inhalten führen. Daher wird empfohlen, Inhalte vorab auszuwählen, Jugendschutzeinstellungen zu aktivieren und möglichst gemeinsam zu schauen (SCHAU HIN, o. D.). Hierbei kommt Eltern und Fachkräften eine wichtige Begleitfunktion zu: Sie geben Orientierung, erklären Inhalte und unterstützen Kinder beim Verarbeiten des Gesehenen (FLIMMO, o. D.).
Wie sich das Medienverständnis entwickelt
Kinder bringen je nach Alter unterschiedliche Fähigkeiten und Voraussetzungen mit, wenn sie Medien nutzen. Was sie auf dem Bildschirm wahrnehmen, verstehen oder verarbeiten können, verändert sich in schnellen Entwicklungsschritten. Gute Medieninhalte müssen daher immer an den kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklungsstand der Kinder angepasst sein.
Bis 2 Jahre: Kleinkinder reagieren am Bildschirm vor allem auf Farben, einfache Formen und schnelle Bewegungen. Sie erkennen Dinge, die sie aus ihrem Alltag gut kennen, können neue Gegenstände jedoch kaum einordnen, weil ihnen die Möglichkeit fehlt, diese zuvor selbst zu berühren und auszuprobieren. Inhaltlich nehmen sie nur kurze Eindrücke wahr und verstehen keine zusammenhängenden Abläufe. Auch Perspektivwechsel oder Szenensprünge können sie noch nicht nachvollziehen, da ihnen die Fähigkeit fehlt, sich in andere Blickwinkel hineinzuversetzen (Signer Widmer, 2013). In diesem Alter fehlt zudem die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen oder zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Medien sollten deshalb nur sehr sparsam und immer gemeinsam genutzt werden (FLIMMO, o. D.).
3–4 Jahre: Kinder zwischen drei und vier Jahren entwickeln erstmals die Fähigkeit, einfache Figurenkonstellationen und geradlinige Geschichten zu verstehen. (Signer Wagner, 2013). Sie beginnen außerdem, mediale Botschaften zu entschlüsseln: Sie können einfache Abläufe verfolgen, erkennen wiederkehrende Figuren und orientieren sich an eindeutigen gestalterischen Mitteln wie Farben, Musik oder klaren Übergängen (Eggert & Wagner, 2016). Gleichzeitig erleben sie Figuren emotional als „real“ und nehmen deren Gefühle intensiv wahr. Diese starken Gefühle können für Kleinkinder schnell überfordernd sein. Dadurch reagieren sie besonders sensibel auf Konflikte, gruselige Momente oder hektische Szenen (Signer Wagner, 2013; FLIMMO, o. D.).
Auch die Nähe zur Lebenswelt ist wichtig, denn Kinder verarbeiten das Gesehene häufig spielerisch weiter und orientieren sich dabei an bekannten Situationen und Rollen (di Vetta, 2024).
5–6 Jahre: Kinder können sich zunehmend mit Figuren und Situationen identifizieren. Themen wie Freundschaft, Gruppenleben und moralische Zuordnungen wie die Einteilung von Figuren in „gut“ und „böse“ stehen im Vordergrund. Fiktion und Realität sind weiterhin schwer unterscheidbar, und überspitzte Emotionen wirken besonders anziehend (Signer Wagner, 2013).
Viele Kinder entwickeln in diesem Alter feste Lieblingssendungen und schauen Inhalte gerne mehrfach, weil Wiederholungen Sicherheit geben und beim Verstehen helfen (FLIMMO, o. D.).
7–9 Jahre: Kinder verstehen nun logische Zusammenhänge, erkennen verschiedene Genres und können komplexere Dialoge verarbeiten. Empathie gegenüber Medienfiguren ist ausgeprägt, weshalb belastende Inhalte ungeeignet sind.
In dieser Phase nutzen Kinder Medien auch verstärkt zur Orientierung. Sie möchten wissen, wie andere Kinder leben, wie sie Probleme lösen oder wie sie in schwierigen Situationen reagieren können. Dabei suchen sie häufiger nach Figuren, mit denen sie sich auch geschlechtsspezifisch identifizieren können (Signer Wagner, 2013; FLIMMO, o. D.).
10–13 Jahre: Ästhetik und Produktionsqualität gewinnen an Bedeutung. Kinder erwarten Inhalte, die nicht deutlich schlechter sind als Programme für Erwachsene. Sie reflektieren komplexe Handlungen, vergleichen Positionen und entwickeln eigene Meinungen (Signer Wagner, 2013; Eggert & Wagner, 2016).
Neben dem Wiederspiegeln der eigenen Lebenswelt soll nun auch ihre wachsende Selbstständigkeit ernst genommen und in Kinderprogrammen thematisiert werden (FLIMMO, o. D.).
Vier Qualitätskriterien für gute Kindersendungen
Qualität in Kindersendungen entsteht durch ein Zusammenspiel verschiedener Anforderungen. Untersuchungen zeigen, dass Eltern, Kinder und Fachkräfte zwar unterschiedliche Schwerpunkte setzen, sich aber auf zentrale Merkmale einigen lassen: Inhalte müssen verständlich, altersgerecht, sicher, anregend und werteorientiert sein (Signer Wagner, 2013). Während sich die Altersangemessenheit von Medieninhalten gut aus den zuvor beschriebenen Entwicklungsstufen erschließen lässt, lassen sich aus den weiteren vier Merkmalen konkrete Qualitätskriterien formulieren, die im Folgenden näher erläutert werden.
Kriterium 1: Verständlichkeit & altersgerechte Dramaturgie
Kinder benötigen eine übersichtliche und gut nachvollziehbare Handlung. Ab etwa drei Jahren können sie einfachen Geschichten folgen, brauchen jedoch klare Erzähllinien, eindeutige Figurenrollen und abgeschlossene Episoden. Komplexere Handlungsstränge und Dynamiken zwischen den Figuren sind erst ab dem späten Grundschulalter geeignet (Eggert & Wagner, 2016; Signer Wagner, 2013).
Kriterium 2: Gewaltfreiheit & emotionale Sicherheit
Da Kinder Sendungen emotional erleben, sollten Konflikte innerhalb einer Folge gelöst sein, damit Kinder das Gesehene gut einordnen und verarbeiten können (Signer Wagner, 2013; SCHAU HIN!, o. D.). Zudem sollten Inhalte möglichst werbefrei sein, oder Werbung als solche eindeutig gekennzeichnet sein. Bei Streamingangeboten ist es sinnvoll, Inhalte vorab selbst anzusehen und auf problematische Inhalte zu prüfen, sowie technische Schutzfunktionen einzusetzen (di Vetta, 2024; SCHAU HIN!, o. D.).
Kriterium 3: Vorbilder, Werte & Diversität
Kindersendungen übernehmen eine wichtige Orientierungsfunktion: Sie prägen Rollenbilder, zeigen soziale Interaktionen und vermitteln gesellschaftliche Werte.
Die Glaubwürdigkeit und Authentizität der Figuren sind dabei zentral, weil sie für Kinder Vorbilder darstellen. Themen wie Freundschaft, Gruppendynamik oder moralische Entscheidungen knüpfen direkt an Entwicklungsaufgaben im Kindergarten- und Grundschulalter an (Signer Wagner, 2013). Formate mit positiven Botschaften und vielfältigen Charakteren, welche diese Themen altersgerecht vermitteln, unterstützen Kinder zusätzlich bei der Entwicklung eigener Werte (SCHAU HIN !, o. D.). Ein weiterer wichtiger Aspekt besteht darin, gesellschaftliche Vielfalt sichtbar zu machen und Kindern kulturelle Teilhabe zu ermöglichen. Ein Anspruch, der insbesondere im öffentlich-rechtlichen Kinderprogramm verankert ist (Bundeszentrale für politische Bildung, 2021).
Kriterium 4: Anregung, Mitmachen & frühes Lernen
Viele Kindersendungen können Lernprozesse fördern, etwa indem sie Sprache oder Alltagswissen vermitteln. (Eggert & Wagner, 2016). Kinder haben Freude daran, mitzusingen, mitzutanzen oder Szenen nachzuspielen. Gute Programme regen solche Aktivitäten an und fördern so auch Kreativität und aktive Mediennutzung (Signer Wagner, 2013; FILMMO, o. D.). Lernformate unterstützen Kinder besonders effektiv, wenn Erwachsene das Anschauen begleiten und Inhalte gemeinsam reflektiert werden (Eggert & Wagner, 2016; SCHAU HIN!, o. D.).
Fazit
Kindersendungen begleiten Kinder durch wichtige Entwicklungsphasen und genau deshalb kommt ihrer Qualität eine besondere Bedeutung zu. Je nach Alter unterscheiden sich die Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen der jungen Zuschauerinnen und Zuschauer erheblich. Gute Programme greifen diese Unterschiede auf: Sie erzählen verständlich, bleiben emotional sicher, vermitteln Werte und regen Kinder dazu an, selbst aktiv zu werden.
Wenn Kindersendungen altersgerecht gestaltet sind und zentrale Qualitätsmerkmale erfüllen, können sie nicht nur unterhaltsam sein, sondern auch die Entwicklung, das Lernen und die Orientierung von Kindern wertvoll unterstützen.
Quellen und weiterführende Informationen
Bundeszentrale für politische Bildung. (2021). Qualität im Kinderprogramm. https://www.bpb.de/themen/medien-journalismus/deutsche-fernsehgeschichte-in-ost-und-west/245916/qualitaet-im-kinderprogramm/?utm_source=chatgpt.com [13.11.2025]
di Vetta, S. (2024). Welche Medienangebote gibt es für die Kleinsten. merz | medien + erziehung, 68(1), 10-17. https://doi.org/10.21240/merz/2024.1.8
Eggert, S., & Wagner, U. (2016). Grundlagen zur Medienerziehung in der Familie (MoFam – Mobile Medien in der Familie I). https://doi.org/10.25656/01:16560
FLIMMO. (o. D.). Wie sich das Medienverständnis entwickelt. https://www.flimmo.de/redtext/101551/wie-sich-das-medienverstaendnis-entwickelt [14.11.2025]
Freepik. (o. D.). Kleiner Junge, der Filme auf dem Laptop anschaut [Foto]. Freepik. https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/kleiner-junge-der-filme-auf-dem-laptop-anschaut_41251178.htm
SCHAU HIN!. (o. D.). Filme & Serien. https://www.schau-hin.info/filme-serien#sec4368 [14.11.2025]
Signer Widmer, S. (2013). Qualität im Kinderfernsehen aus verschiedenen Perspektiven. In Qualität im Kinderfernsehen (S. 308-329). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-18754-9_7



