Vaterschaft im Gefängnis – Wie das Projekt „Papa liest für mich“ unterstützen kann

Das Projekt „Papa liest für mich“, bei dem inhaftierte Väter die Möglichkeit erhalten, Tonaufnahmen mit Vorlese-Geschichten oder einzelnen Erzählungen für ihre Kinder aufzunehmen, wird nun bereits zum dritten Mal von uns Studierenden in Kooperation mit der JVA Heimsheim durchgeführt. Uns als Projektteam ist es besonders wichtig, ein besseres Verständnis für die Lebensrealität der Familien zu erhalten, in deren Konstellation der Vater inhaftiert ist. Nachdem wir uns im vorherigen Artikel bereits der Perspektive der betroffenen Kinder gewidmet haben, soll dieser Artikel thematisieren, welche Folgen eine Inhaftierung des Elternteils auf dieses Selbst haben kann und inwiefern wir die Familien mit unserem Projekt unterstützen können. Um fundierte Erkenntnisse darüber zu erhalten, führte unsere Projektgruppe ein Interview mit Karsten Krauskopf, Professor für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der FH Potsdam. Herr Krauskopf, der unter anderem die Projektleitung der Studie „Vaterschaft im Strafvollzug – Eine Pilotstudie zur Konstruktion von Elternschaft durch Väter im Strafvollzug“ innehatte, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen rund um Elternschaft, Kinderentwicklung und psychosoziale Interventionen, insbesondere im Kontext belasteter Lebenssituationen und ist damit ein Experte für unser Thema.
Vaterschaft in Haft – Emotionale Belastung und psychische Auswirkungen auf den Vater
Auch wenn diese Thematik gesellschaftlich eher vernachlässigt wird, so zeigt sich, dass eine Inhaftierung nicht nur für das Kind und die Mutter enorme Herausforderungen und psychische Belastung bedeutet, sondern auch für den Vater. Studien zeigen, dass die Trennung vom Kind durch eine Inhaftierung einen akuten und dauerhaften psychischen Stressfaktor für den Vater darstellt. Demnach sind Eltern, die in Haft sind, deutlich häufiger von psychischen Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen oder selbstverletzendem Verhalten betroffen. Zusätzlich berichten viele Väter von einem Gefühl der Ohnmacht, da sie nicht mehr aktiv am Alltag ihrer Kinder teilhaben können und zunehmend das Gefühl entwickeln, ihre Rolle nicht mehr erfüllen zu können. Auch unser Interviewpartner beschreibt, dass viele Männer
„die Distanz zur Familie als schmerzhaft und oft auch schambesetzt erleben.“
Zudem schildert er auch das Problem, dass viele inhaftierte Väter sich mit eben diesem Schmerz aber auch alleine fühlen und innerhalb der Haftsituation nicht die Möglichkeit haben, diese Gefühle zu verarbeiten. Herr Krauskopf erläutert,
„dass die Vollzugsbeamten, auch die Sozialarbeitenden […] wenig Raum [geben], da wirklich diese verletzliche, zarte […] Identität als Vater zuzulassen“.
Außerdem wird in unserem Interview deutlich, dass es den Vätern schon sehr viel bedeuten könnte, wenn andere sie überhaupt in ihrer Rolle als Väter sehen und bestärken.
„Sie werden schon auch […] dankbar sein, dass jemand ihnen als Vätern begegnet und es ernst nimmt, dass sie […] Väter sind und innerlich damit beschäftigt sind.“
Zusätzlich zu dieser starken emotionalen Belastung kann eine Inhaftierung sogar zu einem Identitätsverlust als Vater führen. Das bedeutet, dass die Väter in extremen Fällen den Bezug zu ihrer Rolle als Vater verlieren und sich nicht mehr mit dieser identifizieren können. Neben der erzwungenen Trennung und dem geringen Kontakt zu dem Kind spielt aber auch das Selbstbild des Elternteils eine erhebliche Rolle für die psychischen Auswirkungen. Das Selbstbild wird zu großen Teilen durch das Gefühl von Selbstwirksamkeit geprägt, also der Wahrnehmung davon, inwieweit der Vater trotz seiner Inhaftierung noch in seiner Rolle als Elternteil tätig sein kann. Viele Väter beschreiben, dass selbst kleine Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen oder aktiv für ihr Kind da zu sein, einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung ihres Selbstwerts leisten (Dargis et al., 2021). Hier setzt „Papa liest für mich“ also an einem wichtigen Punkt an, denn neben den positiven Auswirkungen für das Kind bietet das Projekt vor allem den Vätern eine Möglichkeit, etwas für ihr Kind zu tun und somit in ihrer Rolle als Elternteil aktiv zu bleiben. Gerade in einer Situation, in der vieles außerhalb ihrer Kontrolle liegt, schafft das Vorlesen eine konkrete Handlungsmöglichkeit, die den Häftlingen laut unserem Experten ein „alltagsnahes und väterliches Gefühl“ vermitteln kann.
Gefängnisbesuche als Stressfaktor – kann Nähe auch anders möglich sein?
In einem Großteil deutscher Strafvollzugsanstalten sind die Besuchsmöglichkeiten der inhaftierten Eltern immer noch alles andere als kindgerecht gestaltet. Oftmals ist die einzige Möglichkeit für Kinder, ihren Vater zu sehen, ein trister Besuchsraum, meist sogar hinter einer Glasscheibe, umgeben von Sicherheitspersonal und unter strikten Auflagen. Für viele Kinder bedeutet das nicht nur eine ungewohnte und beängstigende Umgebung, sondern auch, dass der ohnehin schon seltene Kontakt zu ihrem Vater stark eingeschränkt und emotional belastend ist. Studien zeigen, dass solche Besuchssituationen einen enormen Stressfaktor darstellen und das Kind langfristig verunsichern können, weil Nähe, körperliche Zuwendung oder vertraute Interaktionen kaum möglich sind (Poehlmann-Tynan et al., 2017). Herr Krauskopf machte in unserem Interview jedoch deutlich, dass diese Rahmenbedingungen auch die Väter stark belasten können. Er berichtet, dass manche aus Fürsorge sogar bewusst auf den Besuch verzichten, weil sie ihren Kindern die Erfahrung einer so künstlichen und emotional schwierigen Situation ersparen wollen:
„Manche Väter sagen dann, nein, dann habe ich lieber gar keinen Kontakt zu meinem Kind, als dass ich meinem kleinen Kind gegenüber sitze und ich nicht erklären kann, warum es Papa nicht streicheln, anfassen, umarmen darf.“
Solche Entscheidungen entstehen häufig aus dem Gefühl heraus, das Kind schützen zu wollen. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass auch hier das Projekt „Papa liest für mich“ an einem wichtigen Punkt ansetzt. Denn durch die Audioaufnahmen können Kinder Nähe zu ihrem Vater in einem sicheren und geschützten Umfeld erfahren und so ein Stück Normalität erleben. Das Hören der vertrauten Stimme schafft eine Verbindung, die unabhängig von den Besuchsbedingungen bestehen kann und dem Kind emotionale Stabilität geben kann. Gleichzeitig ermöglicht es den Vätern, trotz der Einschränkungen aktiv etwas zu der Beziehung beizutragen.
Ausblick
Zum Abschluss gab uns Herr Krauskopf noch einige wertvolle Hinweise mit, die helfen, unser Projekt immer weiter zu optimieren. Der Experte betonte, wie wichtig es ist, die Familiensituation als Ganzes zu betrachten. Er hob hervor, wie zentral die Rolle der Mütter ist, nicht nur, weil sie die Aufnahmen letztlich weiterreichen, sondern auch, weil bei ihnen die emotionalen Reaktionen der Kinder ankommen:
„Die Mütter werden diejenigen sein, die mit den Gefühlen, die bei den Kindern kommen, umgehen müssen.“
Ein kleiner Gruß oder ein kurzer Dank der Väter könne hier schon eine große Bedeutung haben, einfach um anzuerkennen, dass ohne ihre Unterstützung vieles gar nicht möglich wäre.
Gleichzeitig gab er zu denken, dass es für die Kinder auch wichtig sein kann, selbst aktiv zu werden. Eine zurückgeschickte Zeichnung oder eine Dankeskarte beispielsweise würden laut ihm einen echten Austausch ermöglichen und den Kontakt so weniger einseitig machen. So könnte die Aufrechterhaltung der Beziehung von beiden Seiten gefördert werden.
Er schlug außerdem vor, dass die Geschichten auch während einem Besuch gemeinsam gehört werden könnten, wenn dies von beiden Parteien gewünscht und möglich ist. Herr Krauskopf beschreibt, dass die Aufnahmen dadurch nämlich mit persönlichen Erinnerungen verknüpft werden, die über den Besuch hinaus wirken können. Allerdings betont er auch, dass es normal sei, wenn die Kinder beim Hören der Geschichten unterschiedliche Gefühle zeigen. Für ihn gehöre dazu, dass Kinder sowohl Freude als auch Trauer erleben: „Es ist ein Geschenk von Papa, aber Papa macht mir dieses Geschenk nur, weil er nicht erreichbar ist. Das gehört wahrscheinlich dazu.“
Fazit
Abschließend können wir festhalten, dass wir es besonders spannend fanden, nachdem wir uns zuvor schon so intensiv in die Perspektive des Kindes hinein gedacht haben, nun auch die Sicht der inhaftierten Väter einzubeziehen. Dadurch wurde uns noch bewusster, wie stark die Belastungen auf beiden Seiten sind und wie unterschiedlich Kinder und Väter die Situation erleben. Gleichzeitig freut es uns sehr, dass wir mit „Papa liest für mich“ nicht nur die Kinder unterstützen, sondern auch dazu beitragen können, auf die Situation der Väter aufmerksam zu machen und ein Stück weit über dieses oft übersehene Thema aufzuklären. Wir möchten uns auch bei unserem Interviewpartner Herr Krauskopf bedanken, der uns viele spannende Informationen und Tipps gegeben hat, um unser Projekt noch wirkungsvoller zu gestalten.
Literatur
Dargis, M., & Mitchell-Somoza, A. (2021). Challenges Associated with Parenting While Incarcerated: A Review. International Journal of Environmental Research and Public Health, 18(18), 9927. https://doi.org/10.3390/ijerph18189927
Poehlmann-Tynan, J., Burnson, C., Runion, H., & Weymouth, L. A. (2017). Attachment in young children with incarcerated fathers. Development and Psychopathology, 29(2), 389–404. https://doi.org/10.1017/S0954579417000062




