Ständig vernetzt und trotzdem einsam: Einsamkeit im Kindes- und Jugendalter

Kinder und Jugendliche sind durch die Sozialen Medien heute so gut vernetzt wie keine Generation zuvor. Gleichzeitig häufen sich Berichte und Studien, die zeigen, dass sich erstaunlich viele junge Menschen einsam fühlen und dass Einsamkeit nicht nur weh tut, sondern auch die psychische und körperliche Gesundheit beeinträchtigen kann (Deutscher Ethikrat, o.D.).
Es stellt sich daher die zentrale Frage: Wie hängt Einsamkeit mit der Nutzung sozialer Medien zusammen und was bedeutet das für Medienbildung und Praxis?
Dieser Artikel gibt einen Überblick über aktuelle Befunde zu Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen. Dabei werden repräsentative Studien aus Deutschland sowie neue Forschungsergebnisse zur Rolle sozialer Medien und zur Bedeutung von Gesundheits- und Medienkompetenz zusammengeführt.
Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Einsamkeit“ sprechen?
In der Forschung wird Einsamkeit nicht einfach als „allein sein“ verstanden, sondern als gefühlte Lücke zwischen dem, was man sich an sozialen Beziehungen wünscht, und dem, was man tatsächlich erlebt. Diese Diskrepanz zwischen gewünschter und real erlebter Verbundenheit steht im Zentrum verbreiteter psychologischer Definitionen (Bückner, 2024).
Einsamkeit:
- ist subjektiv: Man kann sich inmitten vieler Menschen einsam fühlen oder allein sein, ohne einsam zu sein.
- kann vorübergehend auftreten (z. B. bei Übergängen wie Schulwechseln),
- kann aber auch chronisch werden, wenn sich Kinder oder Jugendliche über längere Zeit ausgegrenzt, „anders“ oder nicht verstanden fühlen.
Für junge Menschen ist Einsamkeit besonders brisant, weil in Kindheit und Jugend zentrale soziale Entwicklungsaufgaben anstehen: Freundschaften aufbauen, Zugehörigkeit erfahren, sich abgrenzen und gleichzeitig eingebunden sein. Wenn das dauerhaft nicht gelingt, kann das Spuren bis ins Erwachsenenalter hinein hinterlassen (Bückner, 2024).
Risiken & Anzeichen von problematischer Nutzung
Die OECD beschreibt ein erhöhtes Risiko für Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Bewegungsmangel und emotionale Belastungen bei Kindern, die sehr viel Zeit an digitalen Geräten verbringen. Durch nächtliches Chatten oder Spielen verschiebt sich häufig der Schlafrhythmus, und fehlende Pausen oder monotone Nutzung, wie stundenlanges Scrollen oder Gaming, können zudem körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Augenprobleme oder Verspannungen fördern (OECD, 2025).
Die DAK-Studie orientiert sich bei der Einordnung problematischen Medienverhaltens an den offiziellen Kriterien der Computerspielstörung, wie sie in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschrieben sind. Charakteristisch für eine pathologische Nutzung ist demnach, dass sowohl Symptome auftreten, die das Denken und Verhalten beeinflussen, als auch daraus resultierende negative Folgen in mehreren Lebensbereichen vorliegen (Wiedemann, Thomasius & Paschke, 2025).
Die ICD-11 beschreibt die Störung als anhaltende und wiederholte Nutzung des Internets zum Online-Spielen, die zu klinisch relevanten Beeinträchtigungen führt. Zu den möglichen Symptomen zählen u. a. Entzugssymptome, Toleranzentwicklung, Verlust früherer Interessen, Verheimlichung des Ausmaßes der Nutzung, Flucht vor negativen Emotionen sowie der Verlust wichtiger sozialer Beziehungen (Aktiv Gegen Mediensucht e.V., 2022).
Eine übermäßige Nutzung sozialer Medien kann zu Schlafmangel, Unruhe, Angst und Konzentrationsproblemen führen und steht oft mit depressiven Symptomen sowie einem gestörten Körperbild in Verbindung, wobei letzteres besonders häufig bei Mädchen auftritt (DAK Onlineredaktion, 2025; OECD, 2025). Besonders gefährdet für eine problematischen Social-Media- oder Gaming-Nutzung sind Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, mit familiären Konflikten oder geringerer Unterstützung. Diese Gruppen nutzen digitale Räume häufig zur Kompensation negativer Gefühle.
Viele Kinder profitieren aber auch von den Chancen digitaler Kommunikation, etwa durch soziale Teilhabe, Identitätsbildung und gegenseitige Unterstützung, besonders in marginalisierten Gruppen. Entscheidend ist, wie und in welchem Umfeld Medien genutzt werden. Elterliche Begleitung und gesunde Routinen wirken nachweislich schützend aus (OECD, 2025).
Wie verbreitet ist Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen?
Neue Auswertungen des DJI-Surveys AID:A 2023 zeigen:
- 17 % der 5- bis 11-jährigen Kinder in Deutschland fühlen sich manchmal einsam,
- 5 % berichten, sich häufig oder sehr oft einsam zu fühlen (Deutsches Jugendinstitut, o. D.).
Insgesamt sind damit 22 % der Grundschulkinder zumindest gelegentlich von Einsamkeit betroffen. Besonders auffällig: Kinder aus Trennungsfamilien (z. B. Ein-Eltern-Haushalte, Stieffamilien) und Kinder aus finanziell belasteten Familien berichten deutlich häufiger von Einsamkeit als Kinder in stabileren und materiell abgesicherten Familiensituationen (Kamm, 2025).
Für Jugendliche zeigt sich ein ähnliches Bild:
- In Deutschland geben 13,2 % der 11- bis 15-Jährigen an, sich „meistens“ einsam zu fühlen.
Viele Jugendliche erleben Einsamkeit phasenweise und überwinden diese Gefühle wieder. Aber: Längsschnittdaten deuten darauf hin, dass ein Teil der Kinder, die sich früh stark isoliert fühlen, auch im Erwachsenenalter ein erhöhtes Risiko für soziale Isolation hat.
Warum fühlen sich Kinder und Jugendliche einsam?
Der Deutsche Ethikrat bezeichnet Einsamkeit als „existenzielle Erfahrung“ und gesellschaftliche Herausforderung: Sie betrifft nicht nur einzelne Menschen, sondern hat Auswirkungen auf Gesundheit, gesellschaftlichen Zusammenhalt und demokratische Teilhabe (Deutscher Ethikrat 2024).
Auch bundesweite Daten zum Einsamkeitsbarometer zeigen, dass Einsamkeit in allen Altersgruppen vorkommt, aber besonders häufig Jüngere trifft und dass sie mit höherem Risiko für psychische Belastungen einhergeht (Kamm, 2025).
Für Einsamkeit gibt es selten eine einzige Ursache. Studien beschreiben für Kinder und Jugendliche unter anderem:
Persönliche Faktoren:
- niedriges Selbstwertgefühl
- soziale Unsicherheit, Angst vor Ablehnung
- Schwierigkeiten, neue Kontakte zu knüpfen oder Beziehungen zu vertiefen
Lebensereignisse und Übergänge:
- Umzug, Schulwechsel, Klassenwechsel
- Trennung oder Scheidung der Eltern
- Verlust wichtiger Bezugspersonen
Soziale und familiäre Kontexte:
- Trennungs- und Patchworkfamilien, in denen Beziehungen und Rollen neu verhandelt werden müssen
- finanzielle Sorgen und Armut, die Teilhabechancen (Freizeit, Hobbys, digitale Ausstattung) einschränken
- Mobbing- und Ausgrenzungserfahrungen in Schule oder Peergroup (DJI, o. D.)
Gerade im Jugendalter kommen wichtige Entwicklungsaufgaben hinzu: eigenständiger werden, sich von Eltern lösen und dabei gleichzeitig neue Formen von Nähe und Zugehörigkeit in Peergruppen aufbauen. Diese Balance gelingt nicht allen und digitale Medien spielen dabei eine zweischneidige Rolle (Bückner, 2024).
Soziale Medien zwischen Brücke und Verstärker: Was sagt die Forschung?
Die aktuelle HBSC-Studie 2022 zeigt, wie zentral digitale Medien für 11- bis 15-jährige Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind:
Soziale Medien werden unter der Woche im Schnitt rund 150 Minuten täglich, am Wochenende sogar über 3,5 Stunden genutzt. Etwa 11 % der befragten Jugendlichen zeigen ein problematisches Nutzungsverhalten bei sozialen Medien. Problematische Social-Media-Nutzung ist in dieser Studie unter anderem mit geringerer Lebenszufriedenheit, mehr psychosomatischen Beschwerden, Symptomen von Angst und Depression sowie häufiger erlebter Einsamkeit verbunden (Dadaczynski et al., 2025).
Die einfache Formel „Social Media macht einsam“ lässt sich so aber nicht halten. Längsschnittstudien deuten auf eine wechselseitige Beziehung hin:
- höhere Nutzung sozialer Medien kann Einsamkeit verstärken,
- Einsamkeit kann aber auch dazu führen, dass Jugendliche soziale Medien noch intensiver nutzen.
Das passt zu theoretischen Modellen, die zwei Nutzungspfade unterscheiden:
- Brücken-Nutzung: Soziale Medien werden genutzt, um reale Beziehungen zu pflegen, neue Kontakte zu knüpfen und sich zu verabreden. Das kann Einsamkeit reduzieren.
- Rückzugs-Nutzung: Soziale Medien dienen dazu, sich aus unangenehmen Situationen in der „Offline-Welt“ zurückzuziehen, Konflikten aus dem Weg zu gehen oder den „sozialen Schmerz“ der Einsamkeit zu betäuben. Das kann Einsamkeit verstärken (Bückner, 2024).
Längsschnittstudien zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsphasen gibt, in denen Jugendliche besonders empfänglich für die Auswirkungen sozialer Medien auf ihr Wohlbefinden sind. Diese sensiblen Zeitfenster unterscheiden sich nach Alter und Geschlecht, weisen aber insgesamt darauf hin, dass präventive und medienpädagogische Angebote früh ansetzen sollten – bereits in der späten Kindheit und frühen Adoleszenz.
Auch die HBSC-Studie von 2022 macht deutlich, wie wichtig Gesundheits- und Medienkompetenz als Schutzfaktoren sind: Rund ein Viertel der 11- bis 15-Jährigen verfügt über eine geringe Gesundheitskompetenz, und genau diese Gruppe zeigt deutlich häufiger problematische Social-Media-Nutzung oder eine hohe Videospielintensität.
Gesundheits- und Medienkompetenz umfassen Fähigkeiten wie das kritische Einordnen von Online-Inhalten, Selbstregulation im Umgang mit Bildschirmzeiten sowie grundlegende soziale Kompetenzen im Kontakt mit Gleichaltrigen – on- und offline. Studien zeigen, dass insbesondere kritisch-reflexive und selbstregulative Fähigkeiten eng mit einer weniger problematischen Mediennutzung verbunden sind (Dadaczynski et al., 2025).
Politische und gesellschaftliche Verantwortung
Auf politischer Ebene wird Einsamkeit zunehmend als Querschnittsthema verstanden. In Baden-Württemberg startete das Land einen Ideenwettbewerb und weitere Initiativen, um kreative Projekte gegen Einsamkeit zu fördern, die Menschen vor Ort zusammenbringen und neue Formen sozialer Teilhabe erproben (Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg, 2025).
Durch die Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ rückte insbesondere Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen in den Fokus und verknüpft wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischen Angeboten (Kamm, 2025).
Der Deutsche Ethikrat beschreibt Einsamkeit als gesellschaftliche Herausforderung mit Auswirkungen auf Teilhabe und Gerechtigkeit (Deutscher Ethikrat, 2024). Politische Maßnahmen sind daher essentiell.
Fazit
Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen ist weit verbreitet und zeigt sich bereits im Grundschulalter. Digitale Medien können dabei sowohl verbinden als auch isolieren. Ausschlaggebend ist, wie sie genutzt werden und wie gut junge Menschen unterstützt werden, ihre Online-Erfahrungen einzuordnen.
Außerdem sollte Einsamkeit im sozialen Umfeld junger Menschen offen benennbar sein. Ob in Schule, Jugendarbeit oder in Beratungsstellen. Darüber hinaus brauchen Kinder und Jugendliche verlässliche Online- und Offline-Räume, in denen sie sich zugehörig fühlen können, ob in Jugendhäusern, Bibliotheken, Schulclubs oder moderierten digitalen Treffpunkten.
Einsamkeit ist kein individuelles Versagen, sondern eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe. Familien, Schulen und Politik können dazu beitragen, dass junge Menschen echte Verbundenheit erleben.
Quellen und weiterführende Informationen
Dadaczynski, K., Kaman, A., Ravens-Sieberer, U., Fischer, S. M., Bilz, L., Sendatzki, S., Helmchen, R. M., Rathmann, K. & Richter, M. (2025). Problematische Nutzung digitaler Medien und Gesundheitskompetenz von Schülerinnen und Schülern in Deutschland. Befunde der HBSC-Studie 2022. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 68(3), 302–312. https://doi.org/10.1007/s00103-025-04008-6 [26.11.25]
Deutscher Ethikrat. (2024). Einsamkeit – Existenzielle Erfahrung und gesellschaftliche Herausforderung
Deutsches Jugendinstitut (DJI). (o. D.). Bereits Kinder im Grundschulalter fühlen sich einsam. Deutsches Jugendinstitut.
Freepik. (o. D.). Full-Shot-Model posiert mit wolkenförmigem Kopf [Foto]. Freepik. https://de.freepik.com/fotos-kostenlos/full-shot-model-posiert-mit-wolkenfoermigem-kopf_36298845.htm#fromView=search&page=1&position=12&uuid=9b20729e-f22c-4377-9a17-32c76532cd11&query=einsamkeit
Kamm, P. (2025). So einsam sind Deutschlands Kinder. Pharmazeutische Zeitung. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/so-einsam-sind-deutschlands-kinder-156335/ [29.11.25]
Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg. (2025). Land startet Initiativen für mehr Zusammenhalt und gegen Einsamkeit. https://sozialministerium.baden-wuerttemberg.de/de/service/presse/pressemitteilung/pid/land-startet-initiativen-fuer-mehr-zusammenhalt-und-gegen-einsamkeit [26.11.25]



