Auswirkungen der Inhaftierung eines Elternteils auf die Eltern-Kind-Beziehung und wie Das Projekt „Papa liest für mich“ hilft

Das Projekt „Papa liest für mich“, durch welches inhaftierte Väter die Möglichkeit bekommen, Tonaufnahmen mit Vorlese-Geschichten oder einzelnen Erzählungen für ihre Kinder aufzunehmen, wird nun bereits zum dritten Mal von Studierenden in Kooperation mit der JVA Heimsheim durchgeführt. Da „Papa liest für mich“ eine große Herzensangelegenheit für uns beteiligte Studierende ist, ist es uns wichtig, das Projekt mit großem Engagement zu organisieren und durchzuführen. Darüber hinaus möchten wir ein größeres Verständnis für die Lebensrealität der Familien schaffen, in denen der Vater inhaftiert ist. Deshalb beschäftigen wir uns in diesem Artikel mit den emotionalen und psychischen Auswirkungen, die eine Inhaftierung des Vaters auf das betroffene Kind haben kann. Außerdem möchten wir ergründen, inwiefern unser Projekt die betroffenen Kinder unterstützen kann. Neben ausführlicher wissenschaftlicher Recherche haben wir dazu auch ein Experteninterview geführt, die Erkenntnisse daraus werden im Folgenden erläutert.
Emotionale und psychische Folgen der Inhaftierung eines Elternteils für das
Kind
Die Inhaftierung eines Elternteils kann für die gesamte Familie eine erhebliche Belastungssituation darstellen, insbesondere jedoch für das betroffene Kind. Forschungen zeigen, dass die Trennung von einer primären Bezugsperson zu den stärksten Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung zählt. Langfristig kann dies zu psychischen Problemen wie Angststörungen, depressiven Symptomen oder sozialem Rückzug führen. Besonders die Bindungssicherheit von Kindern kann durch die abrupte Trennung eines Elternteils stark beeinträchtigt werden. Kinder haben häufig Schwierigkeiten, die Situation emotional und kognitiv zu verstehen, was zu Verunsicherung führen kann. Zusätzlich spielt die Art der Kommunikation innerhalb der Familie eine entscheidende Rolle, da unklare oder ausweichende Erklärungen über die Abwesenheit des Elternteils oftmals noch belastender sein können, als die Wahrheit (Murray & Murray, 2010). Umso wichtiger ist es deshalb, dem Kind weiterhin zu ermöglichen, den Vater als Elternteil zu sehen und Verbundenheit mit ihm fühlen zu können, vorausgesetzt natürlich, dass auch vorher eine Bindung bestand und das Strafdelikt nicht im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt oder Ähnlichem steht
Positive Auswirkungen des Projektes „Papa liest für mich“
Im Zuge unseres Projektes möchten wir deshalb ergründen, inwiefern das Aufnehmen von Gute-Nacht-Geschichten für die Kinder einen positiven Mehrwert bieten kann und ihnen eine Art von Verbundenheitsgefühl ermöglichen kann. Es ist bereits seit langem bekannt, dass Vorlesen nicht nur einen erheblichen positiven Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern haben kann, sondern vor allem auch die Bindung zwischen dem Kind und der vorlesenden Person stärkt (Becker, 2018). Dementsprechend haben wir uns gefragt, ob diese positiven Effekte auch durch „virtuelles“ Vorlesen über eine Tonaufnahme wirken können. Wir haben deshalb mit Frau Dr. Hanna Christiansen gesprochen, welche die Professur für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie an der Philipps-Universität Marburg innehat. Sie leitet die Kinder- und Jugendlichen Psychotherapieambulanz und das zugehörige Ausbildungsinstitut. Darüber hinaus ist sie Mitglied im Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit, wo sie die Youth Mental, ein Projekt zur Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Kita, Kindergarten und Schule verantwortet. Damit ist sie eine Expertin für unser Thema und wir haben uns sehr gefreut, ihre fachliche Einschätzung einholen zu können. Auch Frau Christiansen betont in unserem Interview: „(…) Vorlesen hat ganz viele positive Effekte. Zum einen, was die Eltern-Kind-Bindung angeht, aber auch was die kognitive Förderung betrifft“. Sie erläutert, dass Vorlesen grundsätzlich ein stark bindungsförderndes Element in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist. Wenn Eltern ihrem Kind vorlesen, schenkt die vorlesende Person dem Kind ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Diese Situation schafft Nähe, gemeinsame Erlebnisse und einen geteilten Fantasieraum, auf den im Alltag immer wieder Bezug genommen werden kann. Vorlesen wirkt damit nicht nur bindungsstiftend, sondern unterstützt gleichzeitig auch die Sprachentwicklung und das Textverständnis der Kinder. Frau Christiansen meint, dass in Situationen, in denen ein Elternteil inhaftiert ist, das Anhören von Tonspuren, auf denen der Vater seinem Kind vorliest, zumindest teilweise ähnliche positive Effekte bewirken kann. Zwar betont sie, dass das Element der körperlichen Nähe fehlt, doch dass es trotzdem eine positive Auswirkung haben kann, nur die Stimme zu hören. Sie hebt hervor, dass die Stimme ein wesentlicher Bestandteil der elterlichen Präsenz ist: Kinder können sich dadurch an den Vater erinnern, seine Nähe spüren und ihn trotz der räumlichen Distanz als Teil ihres Alltags erleben. Besonders beim Einschlafen oder in emotionalen Momenten kann das Hören der aufgenommenen Geschichten ihnen so Geborgenheit vermitteln. Laut unserer Expertin kann die Aufnahme der Stimme den Vater auf diese Weise symbolisch aus dem Gefängnis ins Kinderzimmer zurückholen und dadurch verhindern, dass er aus dem Familienbewusstsein und -alltag verschwindet. Zusätzlich dazu empfiehlt sie aber auch, dass das Anhören der Aufnahmen beispielsweise mit dem Ansehen von Fotos des Vaters verknüpft werden kann, um gleichzeitig auch ein Bild von ihm vor Augen zu haben.
Ausblick und Tipps für die Umsetzung des Projektes
Neben ihrer Einschätzung zur Wirksamkeit unseres Projektes haben wir Frau Christiansen zum Abschluss unseres Interviews auch noch nach Tipps für die Umsetzung gefragt. Sie machte deutlich, wie wichtig es ist, Kinder aktiv einzubeziehen, sowohl in den Umgang mit der Inhaftierung als auch in Projekte, einzugehen, Beziehung zu ihren Vätern stärken sollen. Sie ist der Meinung, Kinder sollten offen und altersgerecht über die Haft informiert werden, denn „(…) je besser wir Kinder aufklären und mit ihnen darüber sprechen, desto besser ist das auch für die Entwicklung des Kindes“. Gleichzeitig empfiehlt sie, die Kinder aktiv nach Ihren Bedürfnissen und Wünschen zu fragen und beispielsweise darauf einzugehen, welche Geschichten sie hören möchten, oder wie lange und ob sie die Aufnahmen überhaupt anhören möchten.
Resümee
Abschließend lässt sich sagen, dass uns das Interview mit unserer Expertin einen deutlich fundierteren Einblick in die psychischen Prozesse eines Kindes während der Inhaftierung eines Elternteils gegeben hat. Gleichzeitig haben wir auch ein viel tieferes Verständnis dafür gewonnen, welche Bedeutung das Vorlesen für Kinder in belastenden Lebenssituationen haben kann, insbesondere als Möglichkeit, Nähe und Verbundenheit zu erleben, auch wenn ein Elternteil räumlich getrennt ist. Dadurch wird für uns noch klarer, welchen positiven Beitrag unser Projekt leisten kann und wie wichtig es ist, solche unterstützenden Angebote weiter auszubauen. Wir freuen uns sehr, auf diese fachliche Expertise zurückgreifen zu können, und sind durch das Gespräch noch motivierter, an einem Projekt mitzuwirken, das für betroffene Kinder und Familien tatsächlich etwas bewirken kann.




