Digitale Räume als Dritte Orte für Kinder und Jugendliche

Dritter Ort – Was ist das eigentlich?
Bibliotheken, Cafés, Stadtteilzentren, Spiel- und Sportplätze, Jugendhäuser: Das alles sind Dritte Orte, oder können Dritte Orte sein. Aber was genau bedeutet das überhaupt? Der Begriff „Dritter Ort“ wurde zuerst 1989 von Ray Oldenburg in seinem Buch „ The Great Good Place“ definiert und geprägt (Oldenburg, 2023). Der dritte Ort soll neben dem eigenen Zuhause (dem ersten Ort) und der Arbeitsstelle, oder Schule (dem zweite Ort) einen öffentlichen Raum für niedrigschwellige soziale Interaktion bieten, in dem ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Dritte Orte müssen dabei einige Kriterien erfüllen, so sollen sie zum Beispiel offen für alle, informell und gemütlich, günstig gelegen und einfach zu erreichen sein. Gleichzeitig soll Austausch und Unterhaltung eine zentrale Aktivität innerhalb dieses Dritten Orts sein (Oldenburg, 2023).
Dritte Orte sind dabei essenziell für unsere Gesellschaft. Sie sind soziale Infrastrukturen, Sicherheitsnetze, in welchen wir uns austauschen, entfalten und gegenseitig unterstützen können; sie sind wichtig für unsere Demokratie und können beispielsweise Einsamkeit und Polarisierungen entgegenwirken (Klinenberg, 2019; Krueger Weisel & Miletić, 2024).
Der Dritte Ort verschwindet?
Im Podcast „Schweigen ist Zustimmung“ von Jens Brodersen und Patrick Breitenbach zum Thema „Wo sind unsere dritten Orte?“ gehen die beiden Moderatoren auf das Verschwinden des Dritten Ortes ein. Ein Zeichen hierfür sind die Schließungen von öffentlichen Einrichtungen, wie beispielsweise öffentliche Bibliotheken, welche vor allem in den letzten Jahren stark von Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen betroffen sind, darunter Verkürzungen von Öffnungszeiten, Personalabbau oder Streichungen im Medienetat, dies alles trotz steigender Nutzungs- und Ausleihzahlen (Brodersen & Breitenbach, 2025). In Baden-Württemberg sind beispielsweise 80% der Bibliotheken von ebensolchen Sparmaßnahmen betroffen (Erb, 2026).
Dies trifft ebenso auf Jugendhäuser zu: sie sind unterbesetzt und unterfinanziert, werden teilweise alternativlos geschlossen (Brodersen & Breitenbach, 2025). Kindern und Jugendlichen werden so immer wieder Räume genommen, oder die Nutzung dieser wird stark eingeschränkt.
Auch weitere essenzielle Dritte Orte wie beispielsweise Cafés, Bars und Schwimmbäder, müssen schließen, aufgrund von steigenden Mieten und weiteren Kosten.
Digitale Räume als Dritte Orte
In Anbetracht dieses Verschwindens von Dritten Orten in der Stadtlandschaft, sowie in Bezug auf die Corona-Pandemie, die den Zugang zu bestehenden Dritten Orten erschwerte und daraufhin die Kommunikation untereinander fast ausschließlich auf den digitalen Raum verschob, ist es kein Wunder, das Kinder und Jugendliche Kontakte vermehrt virtuell knüpfen und aufrechterhalten. Der digitale Raum wird dabei zum Dritten Ort. So sind 89% der Jugendlichen und 54% der internetnutzenden Kinder täglich online (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2024, 2025). Soziale Medien wie TikTok, Instagram, Snapchat, X (früher Twitter), Tumblr, Reddit und Discord, Plattformen wie Patreon, oder Videospiele wie Minecraft oder Roblox sind Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche treffen und austauschen. Viele dieser Orte erfüllen einige oder alle der von Oldenburg aufgestellten Kriterien für Dritte Orte. Sie sind für alle zugänglich, einfach zu erreichen, informell und bieten Raum für Konversation und Austausch. Nutzende fühlen zudem häufig ein Gefühl der Zugehörigkeit.
Chancen
Digitale Dritte Orte bieten einige Chancen für Kinder und Jugendliche. Der virtuelle Austausch untereinander und das virtuelle Community-Building sind niederschwellige Angebote, die eventuell eine geringere Hemmschwelle gegenüber realen Treffen haben. So ist diese Form von Dritter Ort insbesondere für Kinder und Jugendliche im ländlichen Raum eine Möglichkeit, sich mit anderen zu vernetzen und ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln, wenn es keine oder wenige lokale Angebote gibt.
Weiterhin bieten digitale Räume die Möglichkeit Dinge auszuprobieren, ohne Konsequenzen für dieses Ausprobieren zu erfahren, wie zum Beispiel durch Mobbing oder Ähnliches. Beispielsweise queere, neurodivergente oder von Rassismus betroffene Kinder und Jugendliche können so Gemeinschaften gründen und finden, die in der realen Welt eventuell für sie schwer aufzufinden sind.
Auch haben Kinder und Jugendliche im Internet gegeben falls mehr Privatsphäre oder können diese stärker ausschöpfen, und können so mehr Freiraum in ihrem Handeln und ihrer persönlichen Entwicklung erfahren. Zusätzlich dazu sind virtuelle Räume oft kreativ und breit gestaltbar, Kinder und Jugendliche können ihre Dritten Orte so perfekt an sich und ihre Bedürfnisse anpassen.
Risiken
Ein großes Risiko ist Einsamkeit. Das Problem, welches während der Corona-Pandemie stark anstieg, ist vor allem für jüngere Menschen weiterhin erheblich, und kann, laut Studien, durch den erhöhten Konsum von Inhalten auf Sozialen Medien verstärkt werden (Kronberger, 2026; Tagesschau, 2024).
Ein weiteres Problem ist die immer weiter voranschreitende Kommerzialisierung des Internets. Immer mehr Dienste, Plattformen und Videospiele fordern User:innen dazu auf Abonnements abzuschließen oder Einmalzahlungen zu tätigen. Gleichzeitig gehören viele der Plattformen, wie beispielsweise auch Instagram, X oder TikTok zu großen Medienkonzernen welche durch Werbeanzeigen und durch das Sammeln von Daten der User:innen Geld verdienen. Digitale Räume, in welchen keine Konsumerwartung herrscht, sind immer seltener zu finden.
Zudem besteht in digitalen Räumen häufiger die Möglichkeit als in realen Räumen, dass diese unmoderiert oder für jeden frei zugänglich sind, was die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen gefährden könnte. So werden Kinder und Jugendliche häufiger als zuvor Zeugen oder Opfer von Hass im Internet, entweder im Bekanntenkreis oder durch Fremde, erfahren teilweise sexualisierte Gewalt oder werden ungewollt mit pornografischen oder gewaltvollen Inhalten konfrontiert (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2025).
Schließlich ist zu erwarten, dass durch die Entwicklung von digitalen Dritten Orten, reale Dritte Orte weiter abgebaut und geschlossen werden könnten, was dazu führen würde, dass Kinder und Jugendliche noch weniger Möglichkeiten zur individuellen und entwicklungsfördernden Freizeitgestaltung, außerhalb der digitalen Welt haben.
Fazit
Digitale und reale Dritte Orte können und müssen Hand in Hand gehen. Die Entwicklung von neuen digitalen Räumen, die als Dritte Orte fungieren lässt sich sicher nicht aufhalten, auch sollte man Kinder und Jugendliche nicht davon abhalten, diese zu nutzen. Zudem bestehen vielfältige Nutzungsmöglichkeiten, so können digitale Dritte Ort auch als digitale Bildungsräume genutzt werden (Autenrieth et al., 2023). Es braucht jedoch dringend wieder mehr Dritte Orte für Kinder und Jugendliche in der Realität, die sie niederschwellig und selbstständig nutzen können, in welchen sie ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl entwickeln können, und die Möglichkeit haben sich auf vielfältige Art und Weise untereinander auszutauschen. Dritte Orte wie Bibliotheken, Jugendhäuser, Parks, Schwimmbäder, Spielplätze, und viele weitere sind essenziell für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und müssen weiterhin gefördert und ausgebaut werden.
Übrigens: Die Podcastfolge von Jens Brodersen und Patrick Breitenbach gibt generell einen guten Überblick zum Dritten Ort, es lohnt sich also sehr, dort mal reinzuhören!
Weitere Informationen und Materialien zum Thema Sicherheit im Netz für Kinder und Jugendliche erhalten sie unter https://www.klicksafe.de/.
Quellen
Autenrieth, D., Autenrieth, N., Nickel, S., & Pädagogische Hochschule Schwäbisch Gmünd (Hrsg.). (2023). (Virtuelle) Dritte Orte als Chance für eine nachhaltige Bildungslandschaft: Konzepte, Theorien und Praxisbeispiele. kopaed. Move play create - Dritte Orte als Chance für eine nachhaltige Bildungslandschaft.
Brodersen, J., & Breitenbach, P. (Gastgeber). (2025). Wo sind unsere Dritten Orte? (Nr. 58) [Sendung]. https://schweigenistzustimmung.de/2025/10/05/wo-sind-unsere-dritten-orte/
Erb, I. (2026, März 29). Weniger Raum zum Lernen: Sparzwang in Bibliotheken schadet vor allem Menschen mit wenig Geld. SWR Aktuell. https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/bibliothek-kuerzungen-lernen-100.html
Klinenberg, E. (2019). Palaces for the people: How social infrastructure can help fight inequality, polarization, and the decline of civic life. Broadway Books.
Kronberger, V. (2026, März 29). Studie: Junge Menschen fühlen sich so einsam wie noch nie. Süddeutsche.de. https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-studie-jugendliche-einsamkeit-genz-social-li.3459796
Krueger Weisel, Z., & Miletić, M. (2024). Third spaces and why we need them. Eurac Research. https://www.eurac.edu/en/blogs/imagining-futures/third-places-and-why-we-need-them-zoe-weisel-mila-miletic
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. (2024). KIM Studie 2024. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest.
Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. (2025). JIM-Studie 2025. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest. https://mpfs.de/studie/jim-studie-2025/
Oldenburg, R. (2023). The Great Good Place: Cafés, coffee shops, bookstores, bars, hair salons, and other hangouts at the heart of a community. Berkshire Publishing Group. https://doi.org/10.2307/jj.9561417
Tagesschau. (2024). Corona hat einsamer gemacht—Vor allem Jüngere. tagesschau.de. https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/einsamkeit-138.html





