Wie radikale Social Media Inhalte auf Jugendliche wirken – im Kontext des Feminismus und der Manosphere

Andrew Tate, die Ausbreitung rechtsradikaler Strömungen, sowie die Manosphere finden weltweit im großen Format auf Social Media statt. Andrew Tate vertritt extreme Inhalte, die entgegen den Rechten von Frauen stehen. Die erneut stärker werdende rechte Bewegung, zeigt einen Zuwachs an rechtspopulistischem Gedankengut und besonders rechtsextreme Anhänger verbreiten antidemokratische Vorstellungen. Und zuletzt zeigt sich ein weiteres wachsendes Phänomen: die Manosphere. Eine antifeministische und selbstoptimierende Bewegung die sich von den „Fängen der Frauen“ lösen und die Männer wieder eindeutig zum dominanteren Geschlecht ernennen will (Ging, 2019).
Diese Entwicklungen zeigen sich primär auf Social Media. Im Gegenzug zu herkömmlichen Massenmedien, können die Nutzer:innen dort Inhalte, die für sie persönlich relevant sind, frei generieren und veröffentlichen (Eisenegger et al., 2019). Während diese Struktur eine enorme Freiheit bietet, resultieren daraus auch negative Konsequenzen, wie die oben genannten Beispiele zeigen. Gerade wegen dieses Freiraums sollten Begrenzungen bestehen, die radikales Gedankengut eindämmen. Da die Vertretung radikaler Inhalte jedoch meist gewaltfrei praktiziert wird, folgt das Dilemma zwischen der Wahrung der Meinungsfreiheit und der Notwendigkeit der Zensur. Es zeigt sich, dass Social Media Konzerne Inhalte teilweise selektieren, es bestehen jedoch weiterhin viele radikale Inhalte auf den Sozialen Plattformen, was auch unter Beachtung der Meinungsfreiheit durchaus berechtigt ist. Problematisch ist allerdings das ansteigende Volumen generierter Inhalte, welches es unmöglich macht, alles auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen oder sich kritisch damit auseinanderzusetzen (Schreier et al., 2001). Dies birgt insbesondere für Jugendliche Gefahren, da sie die Hauptnutzergruppe von Social Media darstellen und ihr kritisches Denken oft noch nicht vollständig ausgereift ist (ARD & ZDF, 2025).
In diesem Kontext stellt sich nun die Frage, welche Wirkung diese radikalen Social Media Inhalte auf Jugendliche ausüben und inwiefern diese von ihnen rezipiert werden.
„Im Kontext eines sozialen oder politischen Rahmens stellt Radikalismus eine Geisteshaltung dar, die die grundsätzliche Änderung von etwas Bestehendem anstrebt“ schreiben Knipping-Sorokin & Stumpf (2018) in ihrem Artikel. Vor dem Hintergrund der zu Beginn betrachteten Beispiele ist diese Definition schlüssig. Unter radikalen Medieninhalten werden in diesem Kontext, extreme politische Äußerungen, antifeministische Bewegungen oder auch diverse Verschwörungstheorien verstanden. Ein Vorzeigebeispiel hierfür ist besonders die Manosphere, die auch häufig mit dem Trend Looksmaxxing korreliert. In diesem experimentieren schon bereits männliche Jugendliche mit verschiedensten, teilweise gesundheitsschädlichen Methoden, um ihr Aussehen zu perfektionieren. Bereits hier zeigt sich bei näherer Betrachtung eine deutliche Beeinflussung von Jugendlichen in ihrem Denken und Handeln. Als weitere Beispiele dienen antifeministische Podcasts, welche meist auch mit konservativem Denken einhergehen. Diese werden überwiegend von Männern bespielt, die erneut das „traditionelle“ Bild der Hausfrau idealisieren. Hierbei werden Frauen von ihren Männern versorgt und vermeintlich umsorgt und im Gegenzug geben Frauen ihre Unabhängigkeit auf.
All diese Themen sind in deutlich auf Social Media präsent und erhalten oft durch den Algorithmus großen Reichweite. Aufgrund von Filterblasen („Filter Bubbles“) und des Algorithmus, also der gezielten und individualisierten Auswahl von Inhalten basierend auf dem Nutzerverhalten, sind Jugendliche einer dauerhaften Beschallung von ebendiesen Inhalten ausgesetzt. Durch diese kontinuierliche Konfrontation ist davon auszugehen, dass sie Einfluss auf die Jugendlichen nehmen wird.
Einen Erklärungsansatz bietet hierbei das Kapitel von Katja Friedrich (2013) zu gewalttätigen Medieninhalten und deren Wirksamkeit, besonders auf Kinder und Jugendliche. Gewalttätige und radikale Medieninhalte lassen sich in diesem Kontext deshalb gleichstellen, da Friedrich (2013) zu gewalttätigen Medieninhalten ebenfalls aggressive Wissensstrukturen und Einstellungen zählt. Ein Vergleich mit der vorher aufgeführten Definition zu radikalen Medieninhalten zeigt deutliche Überschneidungen, welche die Übertragung der Forschung zulassen.
Schon lange stellt sich daher die Medienwirkungsforschung nicht mehr die Frage, ob gewalttätige und somit radikale Medieninhalte eine Auswirkung auf Jugendliche haben, sondern wie diese Auswirkung erfolgt (Friedrich, 2013). Es ist festzustellen, dass durch regelmäßigen Konsum der Inhalte die Wahrscheinlichkeit der Beeinflussung des Verhaltens und Denkens erhöht wird (Friedrich, 2013). Durch den bereits angesprochenen Algorithmus und die Filterblasen ist ebendieser wiederholende Konsum der Inhalte sehr wahrscheinlich. Dies fördert auch das Dilemma eines tieferen Absinkens in isolierte Informationsräume, bis radikale Inhalte schließlich den Feed der Jugendlichen dominieren.
Wie sich diese Inhalte konkret auf das Individuum auswirken, ist schwer zu verallgemeinern, da hierbei verschiedene komplexe Faktorenbündel Einfluss nehmen. Diese definieren die Art der Darstellung innerhalb der Medieninhalte, zum Beispiel die Darstellung von Opfer und Täter, sowie die situative Verfassung der Jugendlichen. Zudem werden die Faktoren durch die sozialen Rahmenbedingungen, zum Beispiel auch welche Werte das persönliche Umfeld hat und zuletzt durch die Persönlichkeitsmerkmale des Individuums selbst ergänzt. (Friedrich, 2013)
Diese Faktoren führen zu einer starken Individualisierung der Wirksamkeit, was eine allgemeine Analyse der Wirkungsentstehung erschwert. Es zeigt sich jedoch, dass eine kurz andauernde Wirkung auf anderen Mechanismen basiert, wie Beobachtungslernen und emotionale oder physiologische Erregung als hinter langfristiger Wirkung. Diese benötigt tiefer gehende Prozesse, wie das sozial kognitive Lernen im Sozialisationsverlauf, also die Verhaltensanpassung an die Gesellschaftliche Norm während des Heranwachsens, sowie eine dauerhafte kognitive Verfügbarkeit und emotionale Desensibilisierung. (Friedrich, 2013)
Bezieht man diese Erkenntnisse auf Social Media Inhalte zeigt sich schnell, dass diese leicht zu übertragen sind. Wird man nur kurz mit radikalen Inhalten konfrontiert, kann dies zwar zu kurz andauernder negativen Wirkung führen, jedoch nicht tiefgreifender verändern. Setzt man nun den Algorithmus erneut in den Kontext, ist zu sehen, dass der häufige Konsum schlussendlich zu einer langandauernden Wirkung führt. Besonders wenn das Umfeld und vielleicht auch die eigene Sozialisation im Zutun dieser Wirkung stehen. Dann werden diese Inhalte schließlich auch rezipiert. (Friedrich, 2013)
Inwiefern radikale Medieninhalte, besonders auch im Kontext der oben genannten Beispiele, wirken, lässt sich nun feststellen. Jugendliche wachsen mit patriarchalen Strukturen auf, die meist auch bis zur eigenen Meinungsbildung übernommen werden. Da männliche Jugendliche die weibliche Diskriminierung nicht erfahren, hinterfragen diese die patriarchalen Strukturen seltener als weibliche Jugendliche. Dies kann ein Merkmal sein, weshalb männliche Jugendliche in antifeministische Filter Bubbles, wie der Manosphere fallen. Außerdem sind ebendiese bubbles meist auch rechtsradikal, was zudem den gehäuften Rechtsruck bei den männlichen Jugendlichen erklärt und somit auch, wie das Konsumieren von radikalen rechtspopulistischen Medieninhalten zum eigenen Rechtsruck führt. Frauen hingegen sind öfter politisch links zuzuordnen und sind auch auf Social Media mehr in feministischen bubbles unterwegs, was auch eine gewisse Radikalität einfordern kann. Jugendliche werden also immer von radikalen Social Media Inhalten beeinflusst, und es zeigt sich auch eine starke Rezeption dieser, bei regelmäßigem Konsum. Es stellt sich nun die Frage wie genau die Jugendlichen beeinflusst werden und welche langzeitlichen Wirkungen am Ende hervortreten werden. Da Social Media für Langzeitstudien noch zu jung ist bleiben diese Folgefragen wohl noch zur Spekulation offen.
Literaturverzeichnis
ARD & ZDF. (2025). Anteil der Nutzer von Social-Media-Plattformen nach Altersgruppen in Deutschland im Jahr 2025 [Data set]. Zitiert nach de.statista.com. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/543605/umfrage/verteilung-der-nutzer-von-social-media-plattformen-nach-altersgruppen-in-deutschland/
Eisenegger, M., Udris, L., & Ettinger, P. (Hrsg.). (2019). Wandel der Öffentlichkeit und der Gesellschaft: Gedenkschrift für Kurt Imhof. Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-27711-6
Friedrich, K. (2013). Wirkung gewalthaltiger Medienangebote. In Handbuch Medienwirkungsforschung. Springer Fachmedien Wiesbaden Imprint: Springer VS.
Ging, D. (2019). Alphas, Betas, and Incels: Theorizing the Masculinities of the Manosphere. Men and Masculinities, 22(4), 638–657. https://doi.org/10.1177/1097184X17706401
Schreier, M., Groeben, N., Rothmund, J., & Nickel-Bacon, I. (2001). Im Spannungsfeld von Realität, Fiktion und Täuschung: Möglichkeiten kontra-intentionaler Rezeption von Medieninhalten. In M. K. W. Schweer (Hrsg.), Der Einfluss der Medien (S. 35–54). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-663-09598-9_3
Schweiger, W. (2013). Handbuch Medienwirkungsforschung. Springer Fachmedien Wiesbaden Imprint: Springer VS.





